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Rundbrief 77, Oktober 2023
Liebe Mitglieder, Freundinnen und Freunde
Gern würden wir von den schönen Herbsttagen in den Bergen schreiben, wie sich Gräser und Stauden bunt verfärben, wie die rauschenden Schmelzwasserbäche des Sommers ruhiger werden, wie sich der erste Schnee auf die schattigen Hänge legt. Leider steht diese stete und stimmige Wiederkehr in diametralem Kontrast zur politischen Dynamik in der Schweiz. Gerade was die alpinen Wildnisgebiete anbelangt, sind leider unheilvolle Entwicklungen im Gang.
Mantelerlass (Revision Energie- und Stromversorgungsgesetz)
Nun hat das Bundesparlament also die Revision des Energie- und Stromversorgungsgesetzes abgeschlossen. Dieser umfangreiche Mantelerlass verspricht Fortschritte beim Ausbau der erneuerbaren Energien, insbesondere der Photovoltaik. Allerdings zum Preis einer massiven Schwächung des Natur- und Landschaftsschutzes.
Unter den zahlreichen Beschlüssen sticht für uns vor allem das ambitionierte Ausbauziel für die Wasserkraft ins Auge: 2 TWh bis 2050. In Anbetracht der Tatsache, dass bereits 95% der Gewässer in der Schweiz genutzt sind und ein akuter Mangel an natürlichen, ökologisch wertvollen Gewässerlebensräumen besteht, kann dieser Ausbau nicht umweltverträglich vonstattengehen.
Das wissen auch die Lobbyisten der Energiewirtschaft und der Gebirgskantone und liessen deshalb ins Gesetz schreiben, dass der Bau von 16 namentlich genannten Projekten – am Runden Tisch waren's noch 15 Projekte, darunter Grimsel und Trift – von nationalem Interesse sei und grundsätzlich allen anderen nationalen Interessen, sprich Umweltinteressen, vorgehe. Und dass diese Liste erweiterbar sei. Damit wird die Unversehrtheit zahlreicher Gebirgstäler und -bäche, Gletschervorfelder und alpiner Auen in Frage gestellt.
Von links bis rechts wurde in den Debatten mantramässig wiederholt: "Wir brauchen diesen Strom". Ja, wir brauchen ihn, wenn wir so weitermachen wollen wie bisher: Konsum und Wachstum um jeden Preis!
Trift
Wie zu erwarten war, hat der Grosse Rat des Kantons Bern im Juni 2023 dem Konzessionsgesuch Kraftwerk Trift zugestimmt. Mit nur drei Gegenstimmen. Nur drei? – Immerhin! Drei Grossräte haben in der allgemeinen Ausbauhysterie erkannt, dass dieses Stauseeprojekt in der bisher unberührten Trift keine Antwort auf die Fragen von Klima- und Biodiversitätskrise sein kann.
Der Grimselverein wird Beschwerde gegen diesen Konzessionsentscheid erheben. Er beharrt darauf, dass die Abwägung von Energie- und Umweltinteressen nach wie vor verfassungsmässig und gesetzlich verankert ist. Diese muss letztlich durch ein Gericht (Verwaltungs- oder Bundesgericht) erfolgen, da die bisherigen Abwägungen und Entscheide (auf Stufen Amtsstellen, UVP, Richtplan, Regierungsrat) alle parteiisch und unsorgfältig getroffen wurden.
Deshalb wollen wir vor Gericht die angemessene Gewichtung der Umweltwerte einfordern. Dazu werden wir auch neue Gutachten vorlegen, welche die ökologischen und landschaftlichen Werte der Trift untermauern.
Grimsel
Im Mai 2023 fand eine erste Runde des von den KWO einberufenen "Grimsel Dialogs" statt. Die KWO versuchen dabei, Umweltorganisationen und Standortgemeinden zur Mitarbeit bei Ersatz- und Ausgleichsmassnahmen und damit für die Unterstützung des Grimsel-Ausbaus zu gewinnen. Wir vom Grimselverein waren auch dabei und haben erklärt, warum wir an diesem "Dialog" nicht mitmachen: Am Grimselsee würden mit der Moorlandschaft und dem Gletschervorfeld derart einzigartige Biotope zerstört, die weder mit Geld noch mit irgendwelchen Ersatzmassnahmen aufgewogen werden können.
Für uns wäre die richtige Frage: Welche Massnahmen können ergriffen werden, damit die KWO endlich auf diesen verheerenden Ausbau verzichtet?
Immer wieder wird das Argument vorgebracht, bei Grimsel gehe es ja bloss um die Erhöhung einer bereits bestehenden Kraftwerkslandschaft. Es mag stimmen, dass die Erhöhung von etwas Bestehendem harmloser ist, als ein neues Projekt im unberührten Tal (siehe Trift). Bei der Grimsel liegt aber ein Sonderfall vor: Die vom Höherstau betroffenen Gebiete um den See sind ökologisch derart wertvoll und durch die flache Topografie dermassen gross, dass hier der Schaden enorm wäre.
Rückblick:
Gletscherweib
Soviel Türkenbund am Weg, soviel Sonnentau! Sprudelnde, gurgelnde Bäche, zerzaustes Wollgras – der Weg zum Gletscherweib war wunderbar. Wir haben neue Gebetsfahnen gestellt, mit einem traurig schönen Text von Dres Urweider. Und wir haben eine kräftige Ermutigung von Köbi Gantenbein verlesen, der leider nicht persönlich dabei sein konnte. Eine Rede, die Zuversicht gegen alle Widrigkeiten stiftete (und schmerzliche Längizyti nach den alten Zeiten, in denen das Reden noch geholfen hat). Und die reine Freude: Priska Walss am Alphorn, zusammen mit dem jungen Colin: heitere und wehmütige Töne in der hellen Weite.
Wir legen Euch allen ans Herz: hingehen, solange wir noch können, das nächste Mal am 6. Juli 2024!
Grimsel im SRF
Die oben erwähnte Blumenpracht gab's auch im Schweizer Fernsehen zu sehen. Im Rahmen der Sendungen Schweiz aktuell (25.7.2023) und EcoTalk (21.8.2023) wurden Kurzbeiträge mit schönen Aufnahmen von der Moorlandschaft, dem Arvenwald und dem Gletschervorfeld gezeigt. Welch eklatanter Kontrast zur Baustelle an der Spitallamm.
Nachzuschauen auf
www.srf.ch/play/tv
Triftvisite, Feuer in den Alpen
Auch was die Trift angeht, möchten wir Euch zurufen: wandert in die Trift, solang es sie noch gibt! – Wir waren Mitte August zur Protestvisite da. Wir haben mächtig gefeuert, eine gute Rede von Vera Urweider gehört, eine Exkursion mit Mary Leibundgut in die Schwemmebene gemacht, bis unter die tosenden Wasserfälle.
Ein bebilderter Bericht ist zu finden auf
www.rettet-die-trift.ch/aktivitaeten/aktuell
Kommt doch mit nächsten Sommer (10.-11.8.2024) – die Landschaft ist akut bedroht, denn die Schweiz ist entschlossen, auch noch die letzten unberührten Landschaften zu Geld zu machen.
Trift-Suite von Köbi Gantenbein und der Kapelle Alpenglühn
Von der Uraufführung im Alpinen Museum der Schweiz in Bern haben wir bereits berichtet. Inzwischen wurde die Trift-Suite "Die Ermutigung der Wasseramsel" auch in Brugg gespielt. Weitere Aufführungen sind in Planung. Das gleiche gilt für den Film "Trift – ein Exempel" von Menk Rufibach und Dinah Gafner.
Infos laufend unter
www.rettet-die-trift.ch
Vorschau:
GV des Grimselvereins
Die GV findet am 18. November 2023 statt. Diesmal im Kirchgemeindehaus Meiringen. Wie immer mit spannendem, lehrreichem Begleitprogramm.
Einladung beiliegend.
Mit herzlichen Grüssen
Vorstand Grimselverein
Christian, Johannes, John, Katharina, Nick, Thomas
(26.10.2023)