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Rundbrief 73, Oktober 2021
Liebe Mitglieder, Freundinnen und Freunde
Während die KWO Werbung machen mit dem Slogan "Wir investieren in erneuerbare Energien", setzt der Grimselverein auf das Motto "Wir investieren in intakte Natur". Denn Wasserkraft nutzt ja nicht einfach bloss Wasser, sie zerstört dabei Landschaften, Ökosysteme und natürliche Kreisläufe. Landschaften wie das Gletschervorfeld Unteraar, die Moore der Sunnig Aar oder die Trift sind aber
nicht erneuerbar.
Energiepolitik
Die Schweiz hat ein absehbares Problem mit der Stromversorgung im Winter. Es muss nicht nur der Wegfall des AKW-Stroms kompensiert werden, auch die Elektrifizierung des Verkehrs und die Umstellung der Heizungen auf Wärmepumpen werden zu einem massiven Mehrverbrauch im Winter führen. Gemäss Energiestrategie des Bundes soll es der Zubau von 2000 GWh mit grossen Wasserkraftwerken (Trift: 215 GWh) richten, obwohl dies höchstens 5% des in Zukunft zusätzlich benötigten Winterstroms bedeutet. Momentan unternimmt die Politik sehr viel, damit weitere und grössere Stauseen möglich werden:
Ein Vorstoss im Grossen Rat des Kantons Bern fordert den Regierungsrat auf, das Konzessionsgesuch für die Trift zu beschleunigen und vor dem Sommer 2023 in den Rat zu bringen. Die Erstunterzeichner stammen aus allen Fraktionen, aus der Region sind es Beat Flück (FDP) und Beat Kohler (Grüne).
Gefährlicher für Grimsel und Trift sind aber Vorstösse auf nationaler Ebene:
Die
Grimsel ist durch eine parlamentarische Initiative des Walliser Nationalrats Sidney Kamerzin (Mitte) bedroht, welche das nationale Interesse an der Realisierung von Vorhaben zur Nutzung erneuerbarer Energien als vorrangig gegenüber anderen nationalen Interessen festlegen will. Damit würden zahlreiche Errungenschaften des Natur- und Landschaftsschutzes der letzten fünfzig Jahre zunichte gemacht. Die zuständige Nationalratskommission unterstützt diesen Vorstoss.
Die
Trift ist im Gegensatz zur Grimsel momentan kaum geschützt. Das geplante KWO-Projekt ist jedoch nicht wirtschaftlich. Dieser in der Praxis höchst wirksame Schutz soll ebenfalls wegfallen. National- und Ständerat haben beschlossen, die Abgabe auf Strom für den Bau von grossen Wasserkraftwerken zu verdoppeln. Für die Zerstörung der Trift und weiterer Gletschervorfelder werden so in Zukunft über 100 Mio. Franken pro Jahr zur Verfügung stehen. Das Problem wird nicht mehr sein, dass der Bau neuer Grosswasserkraftwerke zu teuer ist, sondern dass genügend Standorte gefunden werden, damit das Geld auch fliessen kann. In diesem Zusammenhang wäre es interessant zu wissen, welche weiteren Wasserkraftprojekte in irgendwelchen Schubladen schlummern...
Eine verantwortungsvolle Energiepolitik würde sich zuerst Gedanken über die restlichen 95% des zusätzlich benötigten Stroms machen. Dann käme sie darauf, Photovoltaik und Power-to-Gas massiv zu fördern. Anschliessend könnte sie immer noch festlegen, ob die verbleibenden 5% auch noch so produziert werden oder doch mit neuen Grosswasserkraftwerken.
Pro Natura-Studie zu alpinen Auen in der Schweiz
Eine von Pro Natura in Auftrag gegebene Studie hat das ökologische Potenzial der alpinen Auen (Gletschervorfelder und alpine Schwemmebenen) untersucht. Dies angesichts der prognostizierten Entwicklung der abschmelzenden und bis 2100 weitgehend verschwindenden Gletscher. Daraus resultiert eine Liste von 13 Gletschern, die bisher nicht im Bundesinventar der Auengebiete von nationaler Bedeutung vertreten sind, die aber aufgrund ihrer Topografie einen hohen ökologischen Wertzuwachs bereits erfahren haben oder in absehbarer Zeit erwarten lassen. Daraus leitet die Studie einen erhöhten bis stark erhöhten Schutzbedarf dieser Objekte ab. Es erstaunt uns nicht, dass unter den sechs Objekten mit stark erhöhtem Schutzbedarf der Unteraargletscher, der Triftgletscher und der Steingletscher figurieren.
Gletscherweib
Zum 33. Gletscherweib hat Dani Frutiger von schattenhalb4 geredet, eine rechte Ermunterung. Und Priska Walss hat wie jedes Jahr mit dem Alphorn die Steinfigur, die Versammlung, den Ort besungen. Auf einer der Gebetsfahnen steht das Gedicht von Dres Urweider:
dass die liebe / noch dieselbe ist
andere lieben altern / manchmal wie ohne belang / fast nichts
es muss die kühle des / eis sein und die / hitze der herzen
die / gletscherweib dir / adern und atem
weit über deine Zeit / verleihen
erhalte uns / das frösteln
Feuer in den Alpen
Am 14.8.2021 machten wir uns am Grimselpass auf, ein flammendes Signal für die Erhaltung der Alpen zu setzen. Dieses Jahr wurden im ganzen Alpenbogen 15 angekündigte Feuer entzündet, vom Berner Jura bis nach Wien-Liesing. Wir entschieden uns, das Feuer nicht auf dem Sidelhorn zu entzünden, sondern in der Nähe des Totensees. Die Suche nach einer guten Alternative ist noch nicht beendet…
Bei sonniger Abendstimmung und wundervollem Sternenhimmel wurden wir vom Trio I Cornuti mit ihren archaischen bis funkigen Alphornklängen akustisch verwöhnt. Lea Schütz, Gymnasiastin aus Thun und Mitglied beim Klimastreik Berner Oberland, gab uns in ihrer Rede eine reflektierte, hinterfragende, ermutigende, berührende und persönliche Sicht auf das Thema preis.
Triftvisite
Wir haben zusammen mit dem Triftkomitee eine neue Tradition begründet: die Triftvisite. Einen Protest vor Ort gegen die Ausbaupläne der KWO. Heuer waren wir anfangs September mit über dreissig Leuten in der Trift, haben Transparente, Fahnen und abends auch Fackeln getragen. Diese wilde, fast unberührte Gegend muss erhalten werden. Mary Leibundgut hat eine Exkursion in den jüngsten Teil des Gletschervorfelds geleitet, zur Schwemmebene, unter die einzigartigen Wasserfälle. Wer es nicht schon vorher wusste, hat es erfahren: Hier wirken mit Macht natürliche Kräfte, schaffen eine Landschaft, bauen sie um, beleben sie.
Noch ist man sich von rechts bis links und mitten in grüne Kreise hinein einig in der Idee, den Strom aus dem geplanten Kraftwerk Trift für die Energiewende zu brauchen, und wir haben alle Mühe, unsere Argumente unter die Leute zu bringen. Wasserkraft hat zurzeit einen Heiligenschein. Dabei ist der Beitrag neuer Wasserkraftwerke zur Energiewende marginal und deutlich teurer als etwa Solarenergie. Mit dem Geld, das in der Trift verbaut werden soll, könnte dreimal so viel Solarstrom produziert werden, ein Drittel davon im Winter. Dies wurde an der Triftvisite einmal mehr von Fachleuten wie Ruedi Rechsteiner und Heini Glauser vorgerechnet.
GV des Grimselvereins
Beiliegend findet ihr die Einladung zur GV vom 13. Nov. 2021, zu der wir euch gern erwarten. Sie wird - neben dem statutarischen Teil - Gelegenheit bieten, die aktuellen Geschehnisse zu vertiefen. Anschliessend wird Kurt Lüscher, Geschäftsführer des Fachverbands POWERLOOP, seine Szenarien einer zukünftigen Energieversorgung der Schweiz darlegen.
Während des Vereinsjahres haben Susan Curty und Mäni v. Steiger den Vorstand des Grimselvereins verlassen. Auf die GV wird Hans Anderegg als Präsident zurücktreten und aus dem Vorstand ausscheiden.
Wir bedanken uns bei allen Mitgliedern, Spenderinnen und Spendern für ihre tatkräftige und finanzielle Unterstützung.
Herzliche Grüsse
Der Vorstand: Hans, Johannes, John, Katharina, Nick, Thomas
(2.11.2021)