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Rundbrief 71, Oktober 2020

Liebe Mitglieder, Freundinnen und Freunde

Wir bedanken uns von ganzem Herzen bei allen Mitgliedern, Spenderinnen und Spendern, die auch angesichts der derzeitigen Unsicherheiten Geld für den Erhalt der einmaligen Landschaften Grimsel und Trift ausgeben und unsere Arbeit ermöglichen.

Trotz der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie konnte der Grimselverein die geplanten Sommeraktivitäten durchführen. Die lokale Presse berichtete sehr wohlwollend über unsere Anlässe und Anliegen. Auch auf nationaler Ebene gab es die eine oder andere Presseanfrage – Energiethemen sind im Gespräch. Dennoch ist es ein langwieriger Prozess, der landläufigen Meinung, Wasserkraft sei eine saubere und ausbaubare Energiequelle und als Winterspeicher grossartig, unsere Einwände entgegenzuhalten und immer wieder auf die Alternativen (Photovoltaik, Power-to-Gas) hinzuweisen.

Die Corona-Pandemie wird von allen Seiten instrumentalisiert. Sie zeige, wie wichtig eine autarke Energieversorgung mit Wasserkraft für die Schweiz sei – wie wenn die Schweiz in den letzten 200 Jahren je unabhängig von Energieimporten gewesen wäre (Kohle? Öl? Benzin? Gas? Uran?).
Was hingegen offensichtlich ist: Die Pandemie zeigt, wie wichtig intakte Naturräume und Landschaften für das Wohlbefinden der Menschen sind, sowohl in Siedlungsnähe wie in den abgelegenen, unbesiedelten Regionen der Alpen. Kaum je haben so viele BesucherInnen das Haslital und seine Seitenarme erfahren und erwandert...

Grimsel
Seit dem letzten Rundbrief hat sich kaum etwas ereignet. Das Bundesgericht verlangte von den KWO noch einmal eine genauere Berechnung der Mehrproduktion aufgrund des höheren Wasserspiegels. Wir warten weiter gespannt auf den Bundesgerichtsentscheid...

Trift
Der Berner Regierungsrat hat das Konzessionsgesuch zum Kraftwerk Trift an den Grossen Rat überwiesen. Dort wird es wohl in der kommenden Wintersession behandelt, ohne dass vorgängige Verhandlungen zu den Einsprachen gegen das Projekt stattgefunden haben. Der Grimselverein und Aqua Viva müssen sich überlegen, welche politischen und juristischen Mittel gegen die zu befürchtende Konzessionserteilung ergriffen werden sollen (geplant gewesen wäre, dieses Traktandum an der nun abgesagten GV zu besprechen).

Vernehmlassung zum Energiegesetz
Der Bundesrat hat im Frühling einen Entwurf zur Revision des Energiegesetzes in die Vernehmlassung geschickt. Darin ist weiterhin ein Ausbau der Grosswasserkraft vorgesehen, grosszügig unterstützt mit Bundessubventionen (jährlich 100 Mio. Franken), während der Ausbau der Photovoltaik nur zögerlich und restriktiv gefördert wird. Diese Ausbauziele werden in keiner Weise in Beziehung gesetzt mit anderen wichtigen Themen wie Landschafts- und Gewässerschutz oder Biodiversitätsschutz. Im Übrigen finden sich im Entwurf keinerlei Perspektiven zu alternativen, zukunftsträchtigen Speichertechnologien (Power-to-Gas, Power-to-Liquid), geschweige denn zu Energieeffizienz oder -suffienz. All das hat der Grimselverein in seiner ausführlichen Stellungnahme kritisiert und erläutert.
Beim Entwurf zur Revision des Energiegesetzes zeigt sich, dass die Wasserkraft-Lobby in Bundesbern gut vernetzt ist. So erstaunt es auch nicht, dass Barbara Egger-Jenzer, Verwaltungsratspräsidentin der KWO, an ihrer GV selbstbewusst 200 Mio. Franken, die Hälfte der Trift-Kosten, vom Bund eingefordert hat.

Gletscherweib
Am ersten Juli-Samstag haben wir das Gletscherweib neu geschmückt – diesmal anstelle des Berichts das Gedicht von Dres Urweider, das auf einer der Gebetsfahnen steht:

Fremd eigentlich der gletscher, wie ein ferner
aber so nah und kraftlos, wenn er schmilzt

Respekt und senk deinen blick, wenn du ihm nahe kommst
er hat verborgene helfer

Gletscher - es hat sich gewendet
ich brauche deine ruhe

du bist älter als menschenfurcht

du bleibst, du wirst es verschweigen
eine stille bewegung im wind



Feuer in den Alpen
Well this could be the last time... (Rolling Stones)

Endlich hat es seit 2016 wieder mal funktioniert mit der Sidelhorn-Feuer-Kombination!
Auf Einladung des Vorstandes trafen sich am 8. August gegen 30 zugewandte Personen von jung bis alt auf der Grimsel. Wir packten die liebevoll vorbereiteten Holzbündel auf unsere Rucksäcke und stiegen gemeinsam auf den Gipfel. Während es für die einen wohl die letzte Teilnahme war, fanden andere das erste Mal den Weg auf das Sidelhorn. Oben angelangt durften wir den wundervollen und virtuosen Klängen der der beiden Alphornbläser Christian Lehmann und Hans Stettler zuhören und die herrliche Aussicht der Bergwelt geniessen. Es wurde gegessen, diskutiert, gelacht, gesungen und natürlich das Mahnfeuer entfacht. Wir gedachten den Anfängen der Feuer und der Wichtigkeit, uns weiter für die prächtige, einzigartige und so wichtige Natur einzusetzen. Als wir beim gemeinsamen Abstieg mit unseren Stirnlampen eine kurze Pause einlegten, die Lampen ausknipsten, der Stille lauschten und den Blick zum Sternenhimmel mit rötlichem, fast vollem Mond richteten, da kam wohl bei manchen ein mystisches Gefühl auf. Vielleicht fanden auch ein paar hoffnungsvolle Gedanken den Weg zum Himmel...

Protestvisite in der Trift
Mitte August hat das Triftkomitee zu einer Protestvisite in die Trift eingeladen. Mit Fahnen und Transparenten ausgestattet sind um die 30 Leute zur Triftbrücke gezogen, haben möglichst viele Leute in Gespräche verwickelt (die allermeisten wissen weder vom Ausbauprojekt noch vom Widerstand dagegen etwas) und am nächsten Tag an einer naturkundlichen Exkursion ins Gletschervorfeld teilgenommen. Mary Leibundgut hat den unschätzbaren Wert der Landschaft in klaren, eindringlichen Worten dargelegt. Das Erlebnis, unter den mächtigen Wasserfällen in der sandigen Ebene zu sein, zu sehen, zu hören, zu spüren, war einmal mehr überwältigend.

Parlamentarierinnen-Exkursion in die Trift
Anfangs September hat das Triftkomitee eine kleine Gruppe Bundesparlamentarierinnen und Aqua-Viva-Leute in die Trift geführt. Es war ein guter Anlass zur Diskussion über Energieperspektiven, obwohl nur wenige sich die Mühe machen, die bedrohte Landschaft auch sehen und erleben zu wollen. An ihnen wird es sein, im National- und im Ständerat zu berichten und gegen die vorgesehenen Bundessubventionen Stellung zu nehmen.

Herzliche Grüsse
Der Vorstand: Hans, Johannes, John, Katharina, Mäni, Nick, Susan, Thomas

(25.10.2020)