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Rundbrief 7, März 1991
Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde
Wir begrüssen herzlich die Neumitglieder und danken für die eingegangenen Spenden!
Ganz besonders freut uns der Beitritt der SAC-Sektionen Bern und Blümlisalp (Thun) sowie der Fischereipachtvereinigung Spiez. Vom Patentjägerverein Seeland ist eine Spende eingegangen. Diese Beitritte und Spenden zeigen nicht nur, dass das Projekt Grimsel West die Natur in verschiedenen Bereichen bedroht, sondern auch, dass unsere Bemühungen in weitesten Kreisen Anklang finden.
Jahresbeitrag 1991: Der Kampf gegen Grimsel West erweist sich als zäh und aufwendig. Mit dem neuen Einspracheverfahren, später mit Abstimmungskampagnen für die Gewässerschutz- und für die Aareschutz-Initiative kommen grosse Auslagen auf uns zu - wir sind auf Eure Beiträge und Spenden angewiesen. - Wer 1991 beigetreten ist, hat den Jahresbeitrag bezahlt. Wir haben, um dem Kassier und Adressverwalter Fritz Immer die Arbeit zu erleichtern, und um doppelten Versand zu vermeiden, ein
neues Inkassoverfahren, über die Raiffeisenkasse Meiringen, eingeführt.
Wichtige Ereignisse seit dem letzten Rundbrief vom September 90
Am 23.9.90 sind Moratoriums-Initiative und Energieartikel angenommen worden. Daraufhin hat Bundesrat Ogi das Projekt
"Energie 2000" ins Leben gerufen: Stabilisierung des Stromverbrauchs bis zum Jahr 2000 ist ein Ziel des breit unterstützten Aktionsprogramms. - Kein gutes Omen für Grimsel West, das frühestens im Jahr 2010 fertiggestellt sein könnte! Es drängt sich, nach neuesten Zeitungsberichten (TA 5.3.91), hier allerdings die Frage auf, wie ernst die Elektrizitätswirtschaft die Anstrengungen unseres Energieministers nimmt: Die NOK (Nordostschweizer Kraftwerke) rechnen mit einer Verbrauchszuwachsrate von 2,3% für die Jahre 1995 bis 2005. Bezugsverträge mit Frankreich sind bereits abgeschlossen...!!?!
Ende Jahr ein für uns wichtiges
Nicht-Ereignis: wir hatten erwartet, dass die KWO das revidierte Projekt vorlegen würden, nachdem sie ein Jahr Zeit gehabt hatten, Varianten auszuarbeiten und deren Umweltauswirkungen zu studieren. Nun haben die kantonalen Behörden den KWO noch einmal Fristverlängerung um ein halbes Jahr gewährt zum Verfassen eines energiewirtschaftlichen Berichts; die KWO wollen darin ihr Ausbauvorhaben im Rahmen der neuen politischen Bedingungen (Moratorium für AKWs und "Energie 2000") neu begründen.
Der Gletscherforscher Dr. Heinz J. Zumbühl hat am 8. Oktober 90 in Meiringen einen
Diavortrag über den Unteraargletscher, Geschichte und Forschung, gehalten. Wir haben uns sehr über das grosse Interesse an dieser Veranstaltung gefreut: der Hirschen-Saal war zum Bersten voll.
Unsere traditionelle
Spätherbst-Exkursion hat mit interessierten und interessanten Gästen trotz nur mässig guten Verhältnissen vom 19.-21. Oktober 90 stattgefunden, mit einem Übergang von der Lauteraar ins Bächli.
Am17. November 90 haben wir eine ausgesprochen gut besuchte
Generalversammlung abhalten können. Im Anschluss daran kam das Theaterstück "Der Versorgungsauftrag" zur Uraufführung - ein wunderbar erheiternder Spektakel mit ernstem Hintergrund. Wir danken noch einmal herzlich allen, die an diesem Stück mitgewirkt haben! - Möglicherweise wird unsere Theatergruppe im Frühsommer ein Gastspiel im Bündnerland geben...
Mit nur 38 zu 32 Stimmen hat es das Baselbieter-Parlament abgelehnt, den Grimselverein mit 35000 Franken zu unterstützen. Wir erfahren aus dieser Region viel Solidarität, getragen von Leuten, die seinerzeit das AKW Kaiseraugst bekämpft haben. Ende Februar ist in Basel ein Verein gegründet worden mit dem Ziel, den Widerstand gegen Pumpspeicherwerke zu unterstützen. Um solche Hilfe, geleistet weit weg von den "Tatorten", sind wir sehr froh. Danke!
Wir waren im Februar 90, um ein Zeichen der Solidarität mit den uns immer wieder unterstützenden AKW-GegnerInnen zu setzen, dem Verein "Mühleberg unter der Lupe" (MuL) beigetreten. Dieser Verein hat nun seinen Zweck erweitert; ein Verbleib hätte einen grösseren finanziellen Beitrag erfordert. Weil in nächster Zeit grosse finanzielle "Brocken" auf uns zukommen, hat der Vorstand mit knapper Mehrheit den Austritt aus dem Verein MuL beschlossen. Den uns von der Generalversammlung 90 eindeutig erteilten Auftrag zur Solidarität mit Organisationen, die für eine bessere Energiepolitik kämpfen, werden wir auf andere Art wahrnehmen.
Verfahren Grimsel West/Politisches
Aktueller Stand und weiterer Verlauf des Konzessionsverfahrens
Die KWO haben bis Ende Juni 91 Zeit, das revidierte Ausbauvorhaben samt Ergänzungsbericht zur Umweltverträglichkeit einzureichen. Aus gut unterrichteter Quelle haben wir über den voraussichtlich weiteren Verlauf des Verfahrens Folgendes erfahren: eine neue Auflage- und Einsprachefrist von 30 Tagen (unabänderlich) ist nötig. Da es unanständig wäre, diese in die Sommerferien zu legen, beginnt sie wahrscheinlich nicht vor Mitte August. Wir werden wieder Einsprache erheben und, sofern nötig, Organisationen, Gemeinden und Einzelpersonen mit Information versehen. Bestehende Einsprachen werden, falls sie nicht gegenstandslos geworden sind, zusammen mit den neuen in Einspracheverhandlungen behandelt werden. Gleichzeitig laufen zusätzliche Untersuchungen des Kantons über die Auswirkungen des KWO-Projekts auf die Trübung des Brienzersees und auf die Grundwasserverhältnisse im Aareboden. Parallel zu den Einspracheverhandlungen wird die Umweltverträglichkeit von den zuständigen Fachstellen und Behörden neu beurteilt werden. Das alles wird ungefähr ein Jahr in Anspruch nehmen, das heisst, dass frühestens im Herbst 92 der Regierungsrat dem Parlament Antrag auf Konzessionserteilung oder -verweigerung stellen wird. Anschliessend kommt es gegebenenfalls zum Referendum und zur Volksabstimmung. - Wir brauchen einen langen Atem!
Eine offene Frage ist allerdings, ob das Verfahren nicht (analog zu den Verkürzungen der Genehmigungsverfahren um "Bahn 2000"), "gestrafft" werden kann;. der Schweizerische Wasserwirtschaftsverband findet z.B., Einsprachen und Beschwerden verzögern den Bau neuer Werke, es herrsche ein "Vollzugsnotstand"...?
Gewässerschutz-Initiative
Es scheint unmöglich zu sein, die Gewässer in der Schweiz wirksam zu schützen: 1975 beauftragte das Schweizer Volk mit 77,5% Ja-Stimmen den Bund, Bestimmungen zu erlassen über die "Sicherung angemessener Restwassermengen". 1984 ist die eidgenössische Gewässerschutz-Initiative mit über 170'000 Unterschriften eingereicht worden. Unter dem Druck der Initiative wurde nach jahrelangem Feilschen vom Parlament kürzlich das Gewässerschutz-Gesetz als indirekter Gegenvorschlag verabschiedet. Aber auch diese, nach Meinung der Initianten ungenügenden, Schutzbestimmungen gehen den Kleinkraftwerkbesitzern zu weit: sie haben im Februar ein Referendum angekündigt. Das Abstimmungsdatum für die Initiative wird dadurch auf frühestens Dezember 91, eher auf 1992 verschleppt. Wir werden uns mit einer Abstimmungskampagne für die Annahme der Initiative einsetzen: sie würde die im Zusammenhang mit Grimsel West geplanten Fassungen von Steinwasser, Trift- und Gauliwasser verunmöglichen und hätte positive Wirkungen auf das geplante Wasserregime der Aare. - Die Gegner der Initiative sind bereits aktiv geworden: ihre Warnung vor einem "Ausstieg aus der Wasserkraft" ist üble Angstmacherei.
Aareschutz-Initiative
Die kantonale Aareschutz-Initiative wird, falls nicht ein Gegenvorschlag vorbereitet wird, frühestens am 8. Dezember 91 zur Abstimmung kommen: mit ihrer Annahme wäre das Ausbauvorhaben der KWO schlagartig erledigt.
Schutz der Flachmoore und Auen
Ein Inventar mit 1084 Flachmooren von nationaler Bedeutung ist in der Vernehmlassung. Der rigorose Schutz nach Rothenturm-Artikel dürfte auf anfangs 1992 inkraft treten. Im Inventar befinden sich auch von der Überflutung durch den geplanten Grimselsee bedrohte Moore an der "Sunnig Aar". Im Entwurf zum Inventar der Auen von nationaler Bedeutung enthalten sind zwei Auengebiete im Talboden von Meiringen. Die geplante Umkehrung des Wasserhaushalts der Aare durch Grimsel West würde diese ebenfalls beeinträchtigen.
Forschung und Grimsel West
In Grönland erarbeiten Schweizer Gletscherforscher wissenschaftliche Grundlagen für das geplante Abschmelzen des Unteraargletschers. Nach den neuesten publizierten Erkenntnissen (NZZ,27./28.10.90) würde das Ende des Unteraargletschers nach dem Stau von Grimsel West einen ganzen Kilometer hinter die Lauteraarhütte SAC zu liegen kommen.
Erste Ergebnisse eines Forschungsberichts der ETH Zürich sagen aus, dass die Schweizer Talsperren nicht hundertprozentig erdbebensicher sind.
Angeregt von den besorgten Fischern untersucht das Gewässerschutzamt des Kantons Bern, ob vermehrte Trübungen des Briezersees mit dem Pumpbetrieb der Kraftwerke an der Grimsel (er würde durch Grimsel West vervielfacht!) zusammenhängen. Das vorhandene Datenmaterial reicht laut Gesamtbeurteilung nicht aus, um die Vermutungen der Fischer eindeutig zu beweisen oder zu entkräften; 1991 soll weiteruntersucht werden - der Grosse Rat hat den notwendigen Kredit bewilligt.
Der Kanton will von 1991 bis 1994 die Grundwasserverhältnisse im Hasli untersuchen; ein Grund dafür ist, dass der KWO-Ausbau nachhaltige Veränderungen des Grundwasserverhaltens in den Talböden von Innertkirchen und Meiringen mit sich bringen dürfte.
Das Nordwestschweizer Aktionskomitee gegen Atomkraftwerke NWA (Kollektivmitglied im Grimselverein) will zusammen mit befreundeten Organisationen noch in diesem Jahr die
Volksinitiative für Sonnenenergie und bessere Energienutzung lancieren. Eine Vernehmlassung zum Initiativtext ist im Gang. Wir gedenken diese Initiative im Rahmen unserer Möglichkeiten zu unterstützen: eine "Solar-Anbauschlacht" ist, meinen wir, viel besser als eine "Schlacht gegen die Natur" mit Projekten wie Grimsel West...
Unsere Vorhaben für die kommenden Monate
Briefe an den Bundesrat und an den Bernischen Regierungsrat
In der Beilage findet Ihr unseren Beitrag zum Jubeljahr 1991: wir möchten dem Bundesrat eine Geschenkidee zum 700. Geburtstag der Schweiz geben. Und der Berner Regierung einen Vorschlag zur angemessenen Würdigung von "800 Jahre Bern" machen. Wir bitten Euch, die beiliegenden Briefe mit zahlreichen Unterschriften versehen an uns zurückzuschicken; wir werden sie, um den 1. August herum, einreichen!
Gletscherweib
Das Erbauen der schützenden Steinfrau auf dem Unteraargletscher wird wohl zur alljährlichen Tradition: die erste Figur ist in einer Gletscherspalte verschwunden, die zweite wurde Opfer eines Vandalenakts (siehe beigelegte Leserbriefe). Klar, dass wir auch dieses Jahr wieder, im Frühsommer, ein Gletscherweib errichten werden - hartnäckig und treu wie Sisyphus... Wer beim Steinetragen und -aufschichten mithelfen will, ist willkommen und soll sich bitte schriftlich melden bei: K. von Steiger, Wydiweg 2, 3806 Bönigen. Wir benachrichtigen kurzfristig alle, die an dieser g'freuten Aktion interessiert sind.
Grimselfest 1991
Bisher ist noch nicht viel mehr als das Datum des diesjährigen Grimselfests bekannt: 10./11. August 1991. Und wir wollen heuer nicht in der Lauteraar feiern, sondern in der Nähe von Guttannen: es sollen auch nicht-marschtüchtige Leute und solche mit kleinen Kindern teilnehmen können. Wer ein Programm für's Grimselfest zugeschickt bekommen möchte, kann uns das mitteilen an unser Postfach. -Jedenfalls: Termin vormerken, bitte!!
Unser Fest findet gleichzeitig wie die von uns mitgetragene europäische Aktion "Feuer in den Alpen" statt - im Hinblick auf eine befürchtete Übernutzung der Alpen zünden GegnerInnen von übermässigem Transitverkehr und von Pumpspeicherprojekten in den Alpen, AlpinistInnen und ÄlplerInnen am Abend des 10. August 91 zahlreiche Höhenfeuer an, Mahnfeuer. Wichtig: wir rufen Euch auf, zu dieser Aktion beizutragen: tut Euch zusammen, zündet auf jedem Hoger ein Feuer an und meldet uns bitte vor Ende April, wo überall Leute sich zusammenfinden wollen, um etwas zu tun für den Schutz der Alpen. Es wird ein Plakat geben, auf dem alle Gruppen und Organisationen, die Höhenfeuer anzünden, aufgeführt sind. Die Organisation eines derartigen Glühens im ganzen Alpenraum kostet Geld: wir bitten um Spenden auf unser Konto mit dem Vermerk
"Feuer in den Alpen"!
Für nähere Auskunft könnt Ihr Euch wenden an die Koordinatorin: Frau Sabina Ruff, Hinterhasli 312, 9427 Wolfhalden (071 44 21 84).
Vermischte Mitteilungen
Grimselleibchen
Weil die Nachfrage ungeahnt gross war, haben wir neue Grimselleibchen drucken lassen, mit einem Sujet, das Guttanner-Kinder entworfen haben. Die neuen Leibchen können durch Einzahlen von 25 Franken (Ankreuzen auf dem Einzahlungsschein und Grösse L/M/S angeben!) bestellt werden.
Salecina-Tagung zur EG-Perspektive der Alpenregionen
Überrollt die EG das Berggebiet?
In der Tradition der Berggebiets-Tagungen im Bildungs- und Ferienzentrum Salecina in Maloja findet vom 30. Mai bis 2. Juni 91 ein schweizerisch-österreichisches Treffen zum Thema "Schwimmen gegen Europas Strom!? - Überrollt die EG die Alpenregionen?" statt. Es knüpft an die früheren Tagungen "Alpentäler als AKW-Filialen" und "Völker, hört die Transversalen" an. Für die Opposition gegen die Transitlawine und gegen Pumpspeicher zur "Veredelung" von Atomstrom verändert die Perspektive eines möglichen EG-Beitritts die politischen Randbedingungen. So sehen zum Beispiel die Bundesämter für Energie- und für Wasserwirtschaft im Ausbau der Pumpspeicherung "einen unverzichtbaren Trumpf der Schweiz im europäischen Integrationsprozess" und geben so praktisch chancenlosen Projekten neuen Auftrieb. - Die Salecina-Tagung will fundierte Informationen von engagierten schweizerischen und österreichischen Fachleuten vermitteln: Was bringt die EG den Alpenregionen? Die Alpen - Europas Stromlager? Transit - Opfergabe für die EG? Mehr EG, weniger Demokratie? Von schweizerischer Seite mit dabei sind SPS-Präsident Peter Bodenmann, Theresa Herzog von der Europa-Koordinationsstelle der Umweltorganisationen, Rudolf H. Strahm von den Naturfreunden Schweiz und Andreas Gross vom Instiut für direkte Demokratie. Das detaillierte Programm ist in Salecina erhältlich: 7516 Maloja, Tel. 082 4 32 39.
Wanderbüchlein der Schweizerischen Greina-Stiftung
Im Zusammenhang mit der Abstimmung über die Gewässerschutz-Initiative plant die Greina-Stiftung ein Wanderbüchlein herauszugeben. Es sollen Wanderungen entlang bedrohter Fliessgewässer vorgestellt werden - wir beteiligen uns mit einem Wandervorschlag im Hasli. Das Büchlein heisst
"Wasserwege. Zehn Wanderungen an bedrohte Wasseroasen der Schweiz". Es kann schriftlich bestellt werden bei: Gewässerschutz-Initiative, Postfach 482, 8026 Zürich, und wird ab Mai mit Rechnung: 16.50 Fr. zugeschickt.
Am 23.3.91 19 00 Uhr wird im Hotel Du Lac in Interlaken (beim Ostbahnhof) die
Regionalgruppe WWF Oberland Ost gegründet.
Der
Film Grimsel - ein Augenschein wird am 3. April 91, leider erst im Spätprogramm, im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt.
Wir wünschen Euch und uns weiterhin hartnäckig verteidigte Kraft zum Widerstand!
Allen liebe Grüsse
der Vorstand