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Rundbrief 6, September 1990

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde

Wir begrüssen herzlich die neuen Mitglieder und wir danken für die eingegangenen Spenden; der Kampf gegen Grimsel West wird zäh und aufwendig - wir sind auf alle Unterstützung angewiesen.

Wichtige Ereignisse seit dem letzten Rundbrief vom März 90

Wer etwa geglaubt hatte, wir könnten uns im Kampf gegen Grimsel West auf ersten Lorbeeren ausruhen, wurde vor allem durch zwei Ereignisse eines besseren belehrt:
- Die KWO haben bekanntgemacht, wie sie ihr nicht umweltverträgliches Projekt "zur Verminderung der Umweltbelastung" abzuändern gedenken: Sogenannte Speichertunnel, unterirdisch, sollen die Ausgleichsbecken Trift und Handegg ersetzen, Ausbruchmaterial kann plötzlich zu Betonkies für die Staumauer verarbeitet werden, womit das Bächlital vom Kiesabbau verschont und die Zahl und Grösse der Deponien verkleinert würde, und zudem würde das Tieferlegen von Fassungen die Wasserfälle im Gauli und einen Teil des Steinwassers vor dem Trockenlegen retten. - Bei allem Respekt für den doch unerwarteten Einfallsreichtum der Kraftwerkplaner: die auf den ersten Blick lobenswerten Anstrengungen erfolgen unter dem Druck wachsenden politischen Widerstands - Flucht nach vorn soll ein praktisch chancenloses Projekt retten. An den gigantischen Dimensionen ändern die Varianten, die studiert werden, nichts: sie stellen eine aufwendige (5-10% Mehrkosten, also 185-370 Millionen Franken...), kosmetische Prozedur dar. Die Zerstörung des Naturschutzgebiets Grimsel und des Unteraargletschers, die 15-jährige Bauzeit mit allen Immissionen und gewaltigem Energieverschleiss, das Auspressen allen Wassers aus den Seitentälern, die jahreszeitliche Umkehr des natürlichen Wasserabflusses mit Auswirkungen auf Aare und Grundwasser bis an den Rhein sollen inkauf genommen werden. Grimsel West bleibt eindeutig nicht umweltverträglich, unnötiger Gigantismus ("Die Zukunft an der Grimsel gehört nicht dem Gigantismus" meint dazu Alt-KWO-Oberingenieur Jakob Bächtold im "Bund" vom 24.7.90) mit unverantwortbaren Eingriffen in die Umwelt und in die Sicherheit der Talbevölkerung. Es bleibt Sachzwang und Hindernis auf dem Weg zu einer gescheiten und umweltverträglichen Energiepolitik!
- Die Bundesämter für Energiewirtschaft und für Wasserwirtschaft haben auf Anregung des Kantons Bern einen Bericht zur Pumpspeicherung verfasst. Sie befürworten den Bau von Grimsel West als "sinnvollen, wenn auch nicht einzig möglichen Weg". Wie schon der Elektrowatt gelingt auch ihnen kein Nachweis für die Notwendigkeit von Grimsel West für die Landesversorgung, sie heben aber die "Zweckmässigkeit" des Projekts aus Sicht der europäischen Stromversorgung hervor: sie bezeichnen den Ausbau der Pumpspeicherung - "unter Wahrung der umweltpolitischen Verantwortung - als einen der unverzichtbaren Trümpfe unseres Landes" im europäischen Integrationsprozess. - Wenn schon gejasst werden soll, sind wir der Meinung, dass der unverzichtbarste Trumpf der Schweiz eine möglichst intakte Umwelt und Landschaft ist! Wir werden nicht zulassen, dass national geschützte Landschaften zerstört werden, amit schweizerische Elektrizitätsproduzenten sogenannt europafähig werden und Europa planlos noch mehr Energie verschwenden kann. Stromlieferung an Europa entbindet nicht von geltendem Umweltrecht! - Wir verlangen, wie beim Schwerverkehr, auch im Energiesektor europäische Planung, koordinierte Sparmassnahmen und anerkannte Limiten. Wir behaupten, dass der Grossausbau der Wasserkraft seine Grenzen erreicht hat und werden uns für unsere Täler wehren wie die UrnerInnen für das ihrige.
- Die Diskussionen und Kampagnen um die Abstimmung vom 23. September: Moratoriumsinitiative, Ausstiegsinitiative und Energieartikel, sind angelaufen. Wir nehmen dazu wie folgt Stellung: (*)
- Die Bevölkerung im Oberhasli hat mit der kantonal höchsten Stimmbeteiligung zwei entschiedene Gegner des Ausbauvorhabens der Kraftwerke Oberhasli AG in den Grossrat gewählt: Werner Imdorf (bisher) und Alexander Michel (neu) - wir freuen uns sehr darüber, die Anliegen der Grimsel in der kommenden wichtigen Legislaturperiode im Bernischen Grossen Rat, der ja Konzessionsbehörde ist, vertreten zu wissen!
- Wir haben am letzten Juli-Wochenende das Grimselfest mit zählreichen Attraktionen und farbigen Höhepunkten gefeiert. Wohl hat das Fest den Anwesenden gut gefallen. Aber es sind nicht genug Leute gekommen, um mit ihrer Präsenz auf heitere Weise zu zeigen, wie wichtig die Erhaltung dieser mächtigen Gebirgslandschaft ist. Zum Teil mag das am unsicheren Wetter gelegen haben, zu einem andern Teil vielleicht daran, und das macht uns eher Sorgen, dass sich in unseren Reihen Ermüdungserscheinungen bemerkbar machen: man mag nicht recht, lässt seine Anliegen vertreten...
- In den KWO-Partnerstädten, vor allem von Zürich wissen wir es, haben ParlamentarierInnen wieder politische Vorstösse unternommen, die den Behörden nahelegen, sich vom Ausbau Grimsel-West zu distanzieren und diesen energiepolitischen Unfug finanziell nicht zu unterstützen. Für derartige Aktivitäten sind wir sehr dankbar!

Unsere Vorhaben für die kommenden Monate:

- Wenn wir an die weitreichende Bedeutung des Opposition der Urner-Bevölkerung gegen noch mehr Transitverkehr denken: der Bundesrat hält an der 28 Tonnen-Limite für Lastwagen fest, das entschiedene Nein der UrnerInnen muss von Europa respektiert werden, dann wird klar, was wir in nächster Zeit zu tun haben: das Hasli wird von der geplanten AKW-Filiale nur dann verschont werden, wenn unser Widerstand vernehmlich und hartnäckig an die Öffentlichkeit getragen wird. Im ganzen Kanton (besser noch im ganzen Land...) müssen die BürgerInnen, die wohl einmal über Grimsel West abzustimmen haben werden, wissen, dass wir genug haben von der Ausbeutung unserer Landschaft zum Nutzen weniger geschäftstüchtiger Strombarone. Wir müssen unbedingt neu Anlauf nehmen, zeigen, dass wir nicht lockerlassen werden, und wir rufen Euch alle, vor allem aber die einheimischen Mitglieder auf: rappelt Euch auf, nehmt die Faust aus dem Sack! Wie wir uns Euer verstärktes Wirken und Wehren zum Schutz der Grimsel vorstellen könnten: Diskutieren und Argumentieren im Bekanntenkreis, Leserbriefe in Haufen und immer wieder auf alle einschlägigen Ereignisse hin, bei jeder Gelegenheit öffentlich Stellung nehmen und alles, was Euch an Möglichkeiten in den Sinn kommt, den Kampf gegen Grimsel West an dem Ort, wo Ihr seid, zu unterstützen... Wir fordern Euch ausserdem auf, für zahlenmässige Verstärkung des Grimselvereins zu sorgen: Ziel ist, dass jedes Mitglied ein Neumitglied wirbt, wir legen einenEinzahlungsschein zum Weitergeben bei, wer weiteres Material braucht, kann es bestellen.
- Die erwähnte Atom-Abstimmung findet am 23. September statt. Der Grimsel ist eindeutig am meisten gedient mit 3 x Ja: bitte geht an die Urnen und bewegt Eure Bekannten zu grimselverträglichem Abstimmen!
- Am 18. Oktober 90 wird der Gletscherforscher Dr. Heinz J. Zumbühl nach Meiringen kommen und einen Diavortrag über den Unteraargletscher, Geschichte und Forschung, halten: 18. Oktober, 19 45 h, Hotel Hirschen, Dauer ca. 1 Std 15 Min (Auswärtige können gut die letzten Züge erreichen), anschliessend Diskussion.
- Die Spätherbst-Exkursion (mit Bergführer) für Leute, die mit Pickel & Steigeisen umgehen können und ein wenig klettern, findet bei guten Verhältnissen statt vom 19.-21. Oktober 90. Es sind noch einige Plätze frei - InteressentInnen mögen sich bitte melden bei: K. von Steiger, Wydiweg 2, 3806 Bönigen.
- Unsere Generalversammlung wird am 17. November 90 , 18 30 h, im Hotel Adler in Meiringen stattfinden. Im Anschluss an die traktandierten Geschäfte wird in leicht aktualisierter Fassung das Theaterstück "Der Stausee", das von der Vertreibung der Kraftwerkplaner im Urserental 1946 handelt, aufgeführt. Wir werden die Einladung rechtzeitig verschicken.
Wir rufen Euch auf, an unseren Anlässen zahlreich teilzunehmen! Es ist wichtig, dass sie zu gut besuchten Manifestationen des lokalen Widerstands werden.

Vermischte Mitteilungen

- Regionalsekretariate im Hinblick auf die Abstimmung: für die Orte Interlaken, Spiez, Burgdorf und Bern haben sich bereits Mitglieder gemeldet, die im allenfalls nötigen Abstimmungskampf da, wo sie daheim sind, tatkräftig für die Rettung der Grimsel arbeiten wollen. Vielen Dank! Und: wo sonst haben wir Mitglieder, die sich für kurze Zeit, unterstützt vom Vorstand, vermehrt einsetzen könnten? Bitte schreibt uns!
- Im Kino Meiringen steht vom 24.-26. September auf dem Programm:
Grimsel - ein Augenschein
Alpinismus in der Schweiz 1811-1988
Zwei preisgekrönte Schmalfilme
- Stand des Einspracheverfahrens: laut Auskunft der Verkehrs- und Energiewirtschaftsdirektion ist das Einspracheverfahren sistiert, bestehende Einsprachen natürlich nicht ad acta gelegt. EinsprecherInnen werden einen Anmeldetalon erhalten - über Termine ist noch nichts bekannt. Es wird zu einem neuen Auflage- und Einspracheverfahren kommen, wenn die KWO Ende Jahr die Projektänderungen samt Ergänzung zum Umweltverträglichkeitsbericht einreichen.
Unbeugsamkeit, kreative Ideen und Kraft zum Handeln wünschen wir uns und Euch!!

Allen liebe Grüsse
der Vorstand