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Rundbrief 48, Oktober 2009

Liebe Mitglieder, Freundinnen und Freunde

Rundbriefe schreiben ist meine Sache nicht. Im Vergleich zu meiner Vorgängerin Katle tue ich mich schwer, Wichtiges und Interessantes in kurzer Zeit in lesbare und informative Form zu verpacken. So habe ich in unserem basisdemokratisch funktionierenden Vorstand beliebt gemacht, dass diese Vereinsnachrichten nicht nur vom Präsi geschrieben werden sollen. In der Vergangenheit haben bereits Gisela und Kaspar diese Aufgabe in verdankenswerter Art übernommen, andere fügten regelmässig etwas zu speziellen Themen dazu oder unterstützten mich grammatikalisch und stilistsch. Nun hat Mary zugesagt. Sie hat uns aber gleichzeitig wissen lassen, dass wir mit einen kritischen Beitrag rechnen müssten. Wir tun es und danken ihr gleichzeitig für den grossen Einsatz für den Verein.

Im folgenden also der übliche Jahresrückblick vom Präsi, anschliessend der persönliche Rückblick von Mary.

Grimsel Event 15. August 2009
Fand nicht statt. Die KWO hat kalte Füsse gekriegt und mit ihrem Rückzug den Anlass zu Fall gebracht. Die neu gegründete Grünliberale Partei des Kantons Bern wollte im Hinblick auf die nächsten Grossratswahlen mit einem als Event geplanten Parcours zum Thema Wind- und Wasserkraft an der Grimsel auf sich aufmerksam machen. Vier Parteien, Swisswinds (Windkraftprojekt an der Grimsel) und Fonds Landschaft Schweiz, KWO und Grimselverein wurden eingeladen, mit einem Präsentationsstand mitzumachen. Die Coop-Zeitung hatte versprochen, den Anlass zu sponsern und dafür Werbung zu machen. Erwartet wurden zwischen 600 und 1200 Besucher aus der Deutschschweiz. Da die vorgesehene Parcourszeit nicht ausreichte, um bis zum Arvenwald und zurück zu wandern, haben wir vorgeschlagen an der Oberaarstrasse in der Nähe des Trübtensees, vis a vis des Arvenwaldes mit Blick auf das Gletschervorfeld unsern Stand einzurichten und die Parcoursteilnehmer zu bewirten, sowie unsere Sicht zu KWO plus und insbesondere der Seevergrösserung darzulegen. Wir haben im Vorstand in kurzer Zeit viel organisiert, Aufgaben verteilt, HelferInnen gesucht und uns für die Sache begeistert. Erstaunt hat uns dabei, wie die KWO versuchte den Event umzuorganisieren, ja Auflagen zu machen, wie, was und wo über das Projekt Seevergösserung informiert werden dürfe. Wir lehnten das ab. Kurz darauf hat die KWO ihre Teilnahme angeblich auf Anraten ihres Kommunikationsberaters abgesagt.

Begleitgruppen-Mitwirkung des Kantons Bern zum Konzessionsverfahren der KWO
Frau Regierungsrätin Egger hat am 3. Juli die Begleitgruppe zur Startsitzung im anstehenden Bewilligungs- resp. Konzessionierungsverfahren (Ausbau Kraftwerke Handegg und Innertkirchen 1, neues Umwälzwerk Grimsel 3 Räterichsboden-Oberaar und Vergrösserung des Grimselsees) eingeladen. Der Grimselverein, Aqua Viva, WWF, Fonds Landschaft Schweiz und Pro Natura haben ihren bereits im Vorfeld kommunizierten Standpunkt nochmals bekräftigt: Die Seevergrösserung ist nicht verhandelbar, über die anderen Projektteile kann diskutiert werden. Dieser Positionsbezug stiess erwartungsgemäss bei den zahleichen Gemeindevertretern und Politikern auf wenig Verständnis. Überraschend schnell wurde aber ein Vorschlag von Beat Jans (ProNatura) zur Bildung eines Ausschusses, der die technischen und umweltrelevanten Aspekte mit den Kraftwerken direkt verhandeln soll, von Frau Egger entgegen genommen, da die Begleitgruppe dazu zu gross sei. Von Umweltschutzseite wurden im Nachgang drei Vertreter bestimmt. Es sind dies Luca Vetterli (ProNatura), Urs Eichenberger (Grimselverein) und Markus Meyer (Kant. Bern. Fischereiverband). Auf Seite der Kraftwerkbetreiber sind dies Gianni Biasiutti (Direktor KWO) und Stefan Mützenberg (Vizedirektor KWO), sowie Walter Brog (Gemeindepräsident Innertkirchen). Der Ausschuss hat die Möglichkeit, auf die parallel laufende Schutz- und Nutzungsplanung (SNP), welche Bestandteil des Konzessionsverfahrens ist, Einfluss zu nehmen. Im Moment haben die eigentlichen Verhandlungen über Restwassermengen, Schwall- und Sunkdämpfung, sowie Ersatz- und Ausgleichsmassnahmen (Revitalisierung, Aufwertung von Lebensräumen etc.) noch nicht begonnen. Die Grundlagen dazu sind in Erarbeitung oder werden neu zusammengestellt, da diese für jedes Teilprojekt festgelegt werden müssen. Die SNP und der gleichzeitig zu erstellende Umweltverträglichkeitsbericht werden von privaten Büros erarbeitet. Die KWO will gleichzeitig drei separate Konzessionsgesuche einreichen. Der Kanton ist ob der von der KWO erwünschten kurzen Bearbeitungszeit ungehalten. Aus Kapazitätsgründen käme dem Kanton eine Verschiebung oder ein Verzicht auf die Mauererhöhung wohl nicht ungelegen.

Die vorhandenen juristischen Gutachten (Kölz, Keller und Bundesamt für Justiz) zu Fragen der Festlegung des Moor- resp. Moorlandschaftsperimeters kommen alle zusammenfassend zum Schluss, dass bei der Festlegung der Perimeter keine Abwägung zulässig ist, resp. der heutige maximale Seespiegel des Grimselsees die definitive südliche Grenze der Moorlandschaft Grimsel bildet und der Bundesrat diese gar nicht anders festlegen kann. Somit ist eine Mauererhöhung nicht bewilligungsfähig. Im Rahmen der nächsten Begleitgruppensitzung wird der Freiburger Uniprofessor Hänggi auf Wunsch des Kantons Bern die Gutachten erläutern. Wir rechnen mit einer Klärung der Situation, wird doch die KWO dadurch eine weitere Begründung für den Verzicht auf eine Mauererhöhung erhalten. Zudem wurde die KWO von der Begleitgruppe beauftragt aufzuzeigen, was ein Verzicht auf die Mauererhöhung für das Unternehmen bedeuten würde.

Hochwasserschutzprojekt Meiringen-Brienz
Nach längerer Pause gab es zum Hochwasserschutzprojekt Meiringen-Brienz im September wieder eine Informationsveranstaltung durch die Projektbearbeiter und den Kanton Bern. Wie viel Renaturierung resp. Sanierung an der Aare vorgenommen werden kann, hängt direkt mit den Bauvorhaben und deren Auswirkungen resp. dem Konzessionsverfahren der KWO zusammen. Die Aareebene zwischen Meiringen und Brienz bildet wegen der Schwall- Sunkproblematik Teil des Perimeters für die Schutz- und Nutzungsplanung. Leider stellen sich einer grosszügigeren Renaturierung vor allem bäuerliche Kreise und Gemeindepolitiker entgegen. Während das Eintreten für den Erhalt von Grasflächen nachvollziehbar ist, kann die Abneigung gegen renaturierte und aufgewertete Flussabschnitte nicht rational begründet werden - am ehesten ist diese Haltung vergleichbar mit der Ablehnung des Wolfes als natürlichen Bewohner der Schweiz. Dazu kommen die knappen finanziellen Mittel des Kantons, die wohl weitgehend mit dem von den Projektanten geforderten Ersatz der zwei Aarebrücken ausgeschöpft werden. Die Vertreter der Umweltorganisationen werden sich vehement gegen eine 0815-Lösung wehren und sich für eine zukunftsfähige, nach heutigen schweizerischen Standards mögliche Kombination von Hochwasserschutz- und Renaturierungsmassnahmen einsetzen, auch wenn diese wahrscheinlich nur längerfristig in Etappen umsetzbar ist.

Feuer in den Alpen
Das Wetter spielte dieses Jahr bedauerlicherweise einmal mehr nicht mit. Der Aufstieg auf das Sidelhorn wurde zwar noch kurz in Erwägung gezogen, dann aber angesichts der trüben Sicht und der nassen Pfade fallengelassen. Trotz den widrigen Bedingungen fanden sich rund vierzig Grimselfreunde unweit der Passhöhe ein, wo ausgiebig Essen und Meinungen ausgetauscht wurden. Die Alpehornbläser aus dem Emmental reisten dieses Jahr leider nur zu zweit an, der Grimselverein wünscht Chrigu Lehmann schnellstmögliche gesundheitliche Besserung, damit er im 2010 wieder hoch auf den Gipfel kommen kann. Beim Eindunkeln wurde das Mahnfeuer entfacht, es vertrieb Kälte und spendete neuen Kampfesmut, ein richtiges Grimselfeuer.

Gletscherwyb 2009
Endlich war es wieder soweit. Am 04.07.09 besuchten wir unser Geltscherwyb. Stolz und erhaben steht sie im Lauteraar. Bei herrlichem Sommerwetter kamen ca. 30 Leute mit. Michael Schinnerling (Jungfrauzeitung) begleitete uns auf dem Weg. Er war beeindruckt von der Einzigartigkeit der Landschaft und konnte dies sogar in seinem Artikel zum Ausdruck bringen (nachzulesen in www.jungfrauzeitung.ch.). Wir schmückten mit Fahnen, staunten und hörten die Alphornklänge von Priska Walss. Wie immer ein nachhaltiges Erlebnis mit farbigen Erinnerungen.



Ein persönlicher Rückblick (von Mary)
Auch meine Sache ist es nicht, Rundbriefe zu schreiben. Ganz so leicht wollte man mir den Abgang aus dem Vorstand aber dann doch nicht machen – darum hier also ein ganz persönlicher Rückblick auf sechs Jahre im Vorstand.

Zum Vorstand kam ich sozusagen wie die Jungfrau zum Kinde: 2003 traten mit Kathrin von Steiger, Dres Schild und Peter Anderegg gleich drei Vorstandsmitglieder der alten Garde zurück – Nachwuchs war schwierig zu finden. Aus dem Haslital war niemand bereit nachzurücken, darum wurde in der Not auch in der weiteren Umgebung und sogar ausserhalb des Vereins nach möglichen KandidatInnen gesucht. Kathrins Anfrage kam überraschend, war ich doch bisher nicht einmal Vereinsmitglied gewesen. Mit meiner langjährigen Feldarbeit als Botanikerin in Gletschervorfeldern hatte ich aber immerhin einen gewissen fachlichen Hintergrund. Natürlich war mir Grimsel-West bekannt, der Konflikt und das Hasli war mir aber bisher nicht so nahe gewesen, dass ich mich im Verein engagiert hätte. Dass ich ziemlich rasch und spontan zusagte, hatte einerseits mit Hilfsbereitschaft zu tun (wenn die abtretende Präsidentin der Meinung war, ich könnte etwas zur Sache beitragen, konnte ich nicht schnöde absagen), andererseits mit einer grossen Portion Ahnungslosigkeit: ich machte mir ganz einfach nicht allzu viele Gedanken darüber, was ein solches Amt alles mit sich bringt. Ausserdem war ich auch einfach neugierig auf die Zusammenarbeit mit den Vorstandsmitgliedern.

Böses Erwachen
Schon bald wurde klar, worauf ich mich da eingelassen hatte: auf einen alternden Verein in einer schwierigen Phase. Die hehren Grimsel-West-Zeiten waren vorbei, nach 16 Jahren machte sich im Verein und im Hasli ein gewisser Überdruss bemerkbar, mit dem KWO-Plus-Projekt war kaum noch jemand hinter dem Ofen hervorzulocken und mit dem neuen Vorstand waren keine grossen Stricke zu zerreissen. 2004, in meinem ersten Jahr im Vorstand, liess sich der Vorstand auf die Grimsel-Spirit-Gespräche ein. Nach dem Abbruch des Grimsel-Dialogs im März 2003 sollte ein zweiter Versuch eines direkten Gesprächs mit der KWO stattfinden. Mir war zwar schleierhaft, worüber verhandelt werden sollte – eine Mauererhöhung war aus meiner Sicht nicht diskutierbar, ein Abweichen von diesem Standpunkt schien mir unlogisch und würde nur unsere Position schwächen – aber als Neuling und Auswärtige hielt ich mich zurück und vertraute auf die richtige Einschätzung der langjährigen Vorstandsmitglieder. Dass die geistreichen Spirit-Verhandlungen dann schon bald scheiterten, erstaunte mich darum wenig – und bestätigte mich umso mehr in meiner persönlichen Haltung zur Mauererhöhung.

Chi più conosce più ama
Wie erwähnt hatte ich mich bis zum Eintritt in den Vorstand kaum mit der Grimsel befasst. Als Bergsteigerin war mir vor allem das Eldorado als grossartiges Klettergebiet bekannt. Ansonsten war die Grimsel für mich eine Landschaft, die durch Passverkehr und Kraftwerke schon weitgehend zerstört war. Aus dieser Sicht schien es mir ursprünglich auch nicht ganz abwegig, über eine Mauererhöhung zu diskutieren: wenn die Energienutzung schon ausgebaut werden muss, dann doch wohl am besten an einem Ort, wo eh schon alles kaputt ist. Diese Ansicht sollte ich allerdings schon bald grundsätzlich ändern: Im Sommer 2004 erhielt ich vom Vorstand den Auftrag, die Vorschläge der KWO für Ersatzmassnahmen zu beurteilen. Weil ich mir selber ein Bild von den Massnahmen machen wollte, verbrachte ich zwei Tage im Gebiet und klapperte alle einschlägigen Standorte ab: Steinlimmi, Gadmertal, Arvenwald, Sunnig Aar und Gletschervorfeld. Ganz entgegen meiner Erwartung, in der stark belasteten Landschaft nichts Außergewöhnliches anzutreffen, war ich überrascht von einem grossen Reichtum an verborgener Schönheit. Hatte ich die Grimsel bisher vor allem als Bergsteigerin wahrgenommen und kaum ein Auge für all die Kleinigkeiten am Wegrand gehabt, begegnete ich jetzt auf Schritt und Tritt einer faszinierenden Vielfalt im Grossen und im Kleinen – diesmal ein Eldorado nicht für die Sportkletterin sondern für die Fotografin. Wie schon Santa Caterina da Siena im 14. Jahrhundert feststellte: „Chi più conosce più ama, più amando più gusta” : je besser ich die Grimsel kennenlernte, desto mehr wuchs sie mir ans Herz. Im Spätherbst und Frühwinter besuchte ich die Sunnig Aar und das Gletschervorfeld noch einmal, der Bilderschatz im Dia-Archiv wurde immer reichhaltiger. Mir schienen die Bilder – ob von Wildem, Mächtigem, Winzigem, Zartem oder Zerbrechlichem – das beste Mittel, die Kostbarkeit der Grimsel zu vermitteln.

Seither hat sich meine Haltung zur Grimsel gefestigt: obwohl ich als Botanikerin und Geografin viele gute Gründe gegen eine Mauererhöhung nennen könnte, ist für mich in erster Linie meine emotionale Bindung zur Grimsel ausschlaggebend. Dass es mir dabei nicht um Quadratmeter Moorfläche, genaue Anzahl ersäufte Arven, juristische Auslegungen oder Gigawattstunden geht, sondern ganz einfach um das Grundrecht der Natur auf Unversehrtheit, werden die KWO-Verantwortlichen wohl nie begreifen.

Quadratur des Kreises?
Natürlich kann man mir für diese Haltung Weltfremdheit und Inkonsequenz vorwerfen: einerseits keine neuen Anlagen und keine Zerstörung von Natur akzeptieren, andererseits auch keine Einschränkung des gewohnten Komforts und Verhaltens hinnehmen – auch ich verbrauche Energie, konsumiere Nature-Made-Strom, fahre ein Auto, nutze die Landschaft für meine eigenen Interessen. Kurz: wer angesichts des Klimawandels und der drohenden Energieknappheit heute einen Wasserkraftausbau ablehnt, fordert doch nichts anderes als die Quadratur des Kreises! Trotzdem bin ich überzeugt, dass es andere Wege für die Energiezukunft gibt, als unsere letzten Naturlandschaften zu überfluten.

Neue Ansätze dazu wurden an der letzten GV vom Energieexperten Dr. Fischedick präsentiert, der in einer intelligenten Netzplanung und neuen Prognoseverfahren ein grosses Potenzial für eine effizientere Energienutzung sieht. Letzthin stiess ich in der Zeitung auf eine sehr interessanten Artikel zum Thema (Der Bund: Kaliforniens Stromsparrezept, 19.10.09). Anders als in der Schweiz können in Kalifornien die Elektrizitätsunternehmen ihre Gewinne nur steigern, wenn sie weniger, und nicht wenn sie mehr Strom verkaufen. Bereits seit 30 Jahren sind die Spielregeln für Stromversorger so angesetzt, dass möglichst wenig Energie verbraucht wird. Der Erfolg dieser Preisgestaltungsregeln und weiterer Spar-Anreize ist sensationell: der Stromverbruch pro Kopf wurde auf dem Niveau von 1978 stabilisiert. Wäre der Stromverbrauch gestiegen wie im Rest der USA, hätte es in Kalifornien 20 zusätzliche Grosskraftwerke gebraucht. Die Rechnung geht offenbar auf: die Strompreise sind zwar höher, aber der Verbrauch ist tiefer. Eine gesparte Kilowattstunde ist langfristig die billigste und mit Abstand die umweltfreundlichste.

Ob solche Strategien auch bei uns zum Erfolg führen könnten, ist nicht klar – es werden sich sofort Experten finden lassen, welche auf die leider ach so andere Realität in der Schweiz hinweisen werden. Trotzdem: Ich wünsche mir Ingenieure, Techniker, Strategen und Phantasten, für die es keine grössere Herausforderung gibt, als möglichst energiesparende Technologien zu entwickeln! Wenn der Mensch im Stande ist, auf den Mond und vielleicht schon bald zum Mars zu fliegen, sollte er doch auch fähig sein, ein intelligentes System für die irdische Energieversorgung zu entwickeln…

Rückblick im Zeitraffer
Derweil dümpelte das Vereinsleben vor sich hin, zwischendurch allerdings auch mit einigem Wellengang: Im November 2005 reichten die KWO das Baugesuch zur Staumauererhöhung ein, im Februar 2006 reagierte der Grimselverein zusammen mit den anderen Umweltorganisationen mit der Einsprache gegen KWO-Plus. Als Fachperson im Bereich Natur und Landschaft versuchte ich so viel wie möglich dazu beizutragen. Der Aktenberg der KWO war enorm, unser Aufwand beträchtlich – nicht auszudenken, wieviele Ressourcen in den letzten 20 Jahren auf unserer Seite, aber auch bei der KWO in ein aus ökonomischer Sicht bisher nutzloses Projekt geflossen sind.

Nach dem Einreichen der Einsprache konnten wir uns etwas zurücklehnen, es galt ausstehende Gerichtsentscheide abzuwarten – die Zeit verstrich nicht ganz untätig, erinnert sei an das denkwürdige Jubiläumsjahr mit grossem Fest im Ballenberg und dem aussergewöhnlichen Stimmhorn-Konzert beim Gletscherweib.

Im März 2007 erteilte das Wasserwirtschaftsamt des Kantons Bern wie erwartet die Baubewilligung für die Staumauererhöhung. Der Entscheid wurde vom Grimselverein und den Umweltorganisationen ans Verwaltungsgericht weitergezogen, welches uns schliesslich im Frühling 2008 recht gab und den Baubewilligungsentscheid wegen Verfahrensmängeln aufhob. Weil‘s so schön war, zur Erinnerung Giselas Rundbrief-Spruch aus Goethes Feder: „Mich ergreift, ich weiss nicht wie, himmlisches Behagen.” Die Freude war von kurzer Dauer, bereits im Mai 2008 reichte die KWO gegen den Entscheid Beschwerde beim Bundesgericht ein. Dieses machte kurzen Prozess: im März 2009 wurde der Verwaltungsgerichtsentscheid bestätigt, die Beschwerde der KWO abgewiesen. Mittlerweile ist klar, dass die KWO das Konzessionsverfahren für drei Projektteile einleiten wird, darunter unverändert die Staumauererhöhung – das Spiel kann also von vorne beginnen, umso mehr als die zentrale Frage zum Moorschutz bisher noch nicht von den Gerichten beurteilt worden ist.

Gesucht: die eierlegende Wollmilchsau
Obwohl der Grimselverein damit eigentlich eine beachtliche Erfolgsbilanz vorzuweisen hat, hinterlassen die letzten Jahre im Vorstand bei mir zwiespältige Gefühle – dies vor allem aufgrund meiner eigenen Vorstellung, was ein Vorstand eigentlich leisten sollte. Um den Verein in einem immer komplexer werdenden Umfeld tatkräftig unterstützen zu können, braucht es vielseitige Kompetenzen: gefragt sind technisches Interesse, ökologisches Wissen, juristisches Verständnis, Lust am Argumentieren und Debatieren, strategisches Denken und politisches Gespür, Kenntnis der Vereinsgeschichte, ein weit gespanntes Beziehungsnetz und Verbundenheit mit dem Hasli, visionäre und kreative Ideen und nicht zuletzt Überzeugungskraft und viel Energie. Ein Anforderungsprofil also, dem einer allein wohl kaum gerecht werden kann… Die Stärke des Vereins oder vielmehr des Vorstands liegt wohl eher darin, dass jeder sein Scherflein zum Gelingen beiträgt und trotz vieler Schwächen der Widerstand über die Jahre aufrecht erhalten bleibt. Trotzdem: ich hatte schon von allem Anfang an Mühe damit, dass ich mich in vielen Fragen nicht kompetent fühlte und auch nicht zu einem grösseren Engagement bereit war. Kommt hinzu, dass langfädige spätabendliche Sitzungen in Meiringen nicht gerade zu meinen liebsten Freizeitbeschäftigungen gehören. Darum habe ich schon vor einem Jahr beschlossen, einen Schlussstrich zu ziehen und meinen Rücktritt aus dem Vorstand angekündigt – wohwissend, dass da wohl kaum eine Nachfolgerin zu finden sein wird. Für die Zukunft des Vereins wünsche ich mir darum vor allem eins: engagierten Nachwuchs!