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Rundbrief 46, Oktober 2008
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Wenn Schönheit in Lachen ausbricht, erzittert der See,
das Wiesenschaumkraut richtet sich auf,
die Karten werden von neuem gemischt, der Einsatz erhöht.
Kurt Marti
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Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde
Die KWO haben wie erwartet gegen den klaren Entscheid des Verwaltungsgerichts Anfang Mai Beschwerde beim Bundesgericht eingereicht. Zu Hilfe geeilt sind Ihnen auch kantonalen Politiker. Mit einer dringlichen Motion sollte der Regierungsrat beauftragt werden, das kantonale Wassernutzungsrecht so abzuändern, dass zukünftig allein mit Baubewilligungen die konzessionierten Nutzungsrechte der Kraftwerkbetreiber erweitert werden können. So dringlich wird der Vorstoss nun nicht behandelt. Trotz diesen von der KWO begrüssten Rauchzeichen aus Bern kommt das Projekt KWO plus nicht mehr richtig vom Fleck. Wie die KWO im September mitgeteilt haben, wollen sie erst etwa in 2 Jahren entscheiden, ob sie das Investitionsprogramm KWO plus fortsetzen. Dazu gehört auch das immer wieder als Herzstück bezeichnete Teilprojekt 3, die Mauererhöhung. Offensichtlich weist dieses Herzstück gleich mehrere Herzfehler auf.
Innert dem Hubel und bei den Aktionären, vorab bei den BKW, herrscht Unsicherheit über die betriebswirtschaftliche Notwendigkeit dieser Investition. Dies erstaunt nicht, denn seit der Erarbeitung des Projekts KWO plus haben sich die wirtschaftlichen Verhältnisse am Strommarkt grundlegend verändert. Aufgrund von Klimamodellen ist eine Zunahme an Winterniederschlägen und eine starke Abnahme der Sommerniederschläge zu erwarten, was eine Verringerung an saisonalem Speicherbedarf mit sich bringt. Es leuchtet ein, dass mit der fortschreitenden Klimaerwärmung die Schneefallgrenze steigt und damit auch im Spätherbst vermehrt Niederschläge in Form von Wasser in den See fliessen, welche bisher erst im nächsten Frühsommer während der Schneeschmelze im See gespeichert wurden. Auch wird der Wasserzufluss durch die Gletscherschmelze bei immer kleiner werdenden Gletschern längerfristig abnehmen, wodurch der erwartete Wasserzulauf in den Grimselstausee im Sommer ebenfalls abnehmen wird.
Die Windenergieproduktion gewinnt zunehmend an Bedeutung. Insbesondere in unserem nördlichen Nachbarland ist ein wahrer Boom ausgebrochen. Auch die KWO-Aktionäre, vorab das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) aber auch die BKW beteiligen sich in grossem Stil an Windkraftgesellschaften.
Mit dem dynamischen Ausbau der europäischen Windenergie - von 60 GW (2007) auf mindestens ca. 200 GW bis 2015/2020 - und mit dem Ausbau der Wärme-Kraft-Kopplung steigt das Winterstromangebot weiter an, während der relative Bedarf im Vergleich zum Sommer wegen der Klimaveränderung eher abnimmt. Der Sommerbedarf steigt vermutlich wegen zunehmender Verbreitung von Klimaanlagen. In einem solchen Umfeld ist eine Verlagerung zu Winter-Produktion nicht gefragt. In den letzten Jahren konnte zudem beobachtet werden, dass die Strompreise nicht wie früher im Winterhalbjahr, sondern vermehrt im Sommer Höchstwerte erreichen. Der angeblich wichtigste Grund der Mauererhöhung, nämlich die Verlagerung der Stromproduktion in den Winter, wird zunehmend unwichtiger. Kommt dazu, dass bei steigenden Temperaturen im Winter der Heizbedarf abnimmt, d.h. für die einige 10'000 Stück umfassende Anzahl von Elektroheizungen im BKW Verteilnetz weniger Strom bereit gestellt werden muss.
Die erwartete zusätzliche Stromerzeugung von 20 GWh, die aus der Mauererhöhung resultieren soll, ist relativ gering und steht in einem sehr schlechten Verhältnis zu den budgetierten Mitteln von 170 Mio. Fr. (Bausumme exklusiv Renovationskosten). Investiert man die 170 Mio. Fr. an geeigneten Standorten in Windenergie, kann man damit mehr als fünfmal so viel zusätzlichen Strom gewinnen. Auch der Flächenverbrauch ist uneffizient: Auf einer Fläche von der Grösse der neu überfluteten Landschaft liesse sich an geeigneten Standorten mittels Fotovoltaik fünfmal mehr Strom produzieren.
Und endlich wird auch in der Schweiz die Produktion von Ökostrom aus alternativen Quellen gefördert. Der Stromlobby ist es leider vorerst gelungen, die Einspeisevergütung für Solaranlagen und Windkraftanlagen zu begrenzen. Die Konsumenten sollen im Glauben an die Stromlücke im Jahre 2030 bestärkt, und nicht durch die Zunahme dezentraler Ökostromanlagen irritiert werden. Der Boom zum Bau alternativer Stromerzeugungsanlagen ist im Moment so gross, dass die gesetzlichen Bestimmungen wohl bald geändert werden.
Wenn die Mauererhöhung einer Konzessionsänderung bedarf, wovon auszugehen ist, so haben die KWO gemäss Gewässerschutzgesetz Restwasser zu garantieren. In der Handegg würde wieder Wasser in der Aare fliessen. Die Natur würde gewinnen. Der Handeggfall könnte wieder zu einer Touristenattraktion werden. Dafür könnte weniger Wasser turbiniert werden. Die Restwassermenge wird im Konzessionsverfahren festgelegt, die damit verbundene Einbusse bei der Energieproduktion ist darum noch nicht genau bekannt. Voraussichtlich ist dieser Verlust jedoch grösser als die Mehrproduktion aufgrund der Mauererhöhung.
Trotz all dieser geänderten Rahmenbedingungen bleibt auch auf unserer Seite eine gewisse Unsicherheit, ob die Mauererhöhung nicht trotzdem noch realisiert werden kann. Denn wie bereits im Fall von Grimsel West, scheinen Betonprojekte eine grosse Lebenserwartung zu haben und sind bei Politikern beliebt. Sie werden künstlich am Leben erhalten. Zuviel Prestige liegt auf dem Spiel. Dazu trägt wohl auch die Lust bei, wie zu Beginn des Baus der Speicherkraftwerke Eingriffe in der Landschaft vornehmen zu können. Dies scheint einem uralten, vor allem männlichen Bedürfnis zu entsprechen.
Die KWO könnten einem auch leid tun. Sie wurden im Glauben, den richtigen Verfahrensweg zu beschreiten, von der Berner Regierung und regionalen Politikern unterstützt, obschon im Wasserwirtschaftsgesetz des Kantons Bern klar steht, dass es ein Konzessionsverfahren braucht, wenn die Fallhöhe, wie hier beim Kraftwerk Grimsel erhöht wird. Genau das haben der Grimselverein und die Umweltverbände bereits im Einspracheverfahren verlangt, die Berner Regierung hat dies aber abgelehnt. Der klare Entscheid des Verwaltungsgerichts hat aufgezeigt, dass es wichtig ist, dass die Umweltverbände ein Beschwerderecht haben. Mit der Zürcher FDP Initiative sollen diese Rechte quasi abgeschafft werden. Dagegen wehren wir uns, und sagen am 30.November Nein zu einem so kurzsichtigen Vorhaben gegen die Umwelt.
Gleichzeitig stimmt uns das Time Out, das der KWO-Verwaltungsrat beansprucht, zuversichtlich. Das Verwaltungsgerichtsurteil zwingt die KWO zu einer Neuorientierung. Wir hoffen, dass die KWO die Zeit nutzt, um die Weichen richtig zu stellen.
Besuche auf der Grimsel
Ende Juni begleitete der Präsi den Journalisten Lukas Egli vom Beobachter entlang des Grimselsees bis zum Gletschervorfeld. Die anschliessend publizierte Geschichte "Ein Tal unter Strom" drehte sich vor allem um die Frage, ob für den wachsenden Energieverbrauch ein paar Arven und Enziane geopfert werden sollen. Die Schönheit der Natur als Hypothek, die KWO als behinderte Ressourcennutzerin, der Grimselverein als sturer, von Unterländern dominierter Verhinderer: das nennt sich Mut zur Beobachtungslücke.
Der Besuch der kantonsrätlichen Kommission (ZH) zur Aufsicht über das kantonale Elektrizitätskraftwerk (EKZ) am 2. Juli war dafür ein schönes Erfolgserlebnis. Die Wanderung zum Arvenwald und zurück bot uns (Doris, Eva und Peter von Arx, Heini, Luca und mir) Gelegenheit für einen offenen Gedankenaustausch. Die Parlamentarier werden - wie sie uns gegenüber sagten - permanent von der Stromlobby mit Unterlagen bombardiert. Darum wollten sie den jährlichen Ausflug für einen Augenschein vor Ort nutzen und auch einmal die andere Seite anhören. Die KWO hatte davon Wind bekommen und versuchte die Besucher zu einer umfassenderen Information vor Ort zu bewegen. Offensichtlich mit wenig Erfolg, sie wurden auf die Möglichkeit der Postzustellung verwiesen. Als kleines Präsent überreichten wir den Räten ein Poster mit Grimselbildern.
Anfang Oktober drehte DRS aktuell eine Sendung über die Grimsel, die kürzlich ausgestrahlt wurde. Auch hier gehörten offenbar all die Erklärungen, warum wir die Mauererhöhung ablehnen und wie wir unsere Beschwerde begründen, zum nicht bevorzugten Aussagematerial. Offenbar entspricht die Reduktion des Problems auf die Arvenfrage heutigen Ansprüchen an die mediale Berichterstattung. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen, aber wir können davon auch etwas lernen, wie wir unsere Botschaft an den Mann / die Frau bringen sollten.
Gletscherweib
Bei herrlichem Sonnenschein hat uns unser Gletscherwyb empfangen. Stramm steht sie im Gletschervorfeld, hat erneut dem Winter und der KWO getrotzt. Wir haben ihr gedankt, sie mit Fahnen geschmückt und uns mit den Klängen von Ruth und Res Margot für den weiteren Widerstand gestärkt. Die einzigartigen Klänge mit Alphorn, Maulorgel und Gesang, von Blues bis Sizilien, haben unsere Herzen und Seelen erfüllt. Ein grosses Merci an die zwei Musiker, die den langen Weg ins Lauteraar fürs Geltscherwyb und für uns auf sich genommen haben.
L’art pour l’aar
Acht KünstlerInnen der Gruppe l’art pour l’aar haben hoch über dem Grimselsee ein richtiges Sprungbrett installiert. Diese mit "Salto mortale" bezeichnete Installation sollte auf die Übernutzung der Gebirgslandschaft hinweisen, und auch als Protest gegen die Erhöhung der Staumauer und die damit verbundene Überflutung des Gletschervorfeldes verstanden werden.
Feuer in den Alpen
Am 9. August bläst der Wind kalt ums Sidelhorn, trotzdem steigen rund 40 Personen auf den Gipfel weit oben über dem Grimselpass. Die Freundinnen und Freunde der Grimsel wurden für den Aufstieg mit einer atemberaubenden Fernsicht während des Sonnenuntergangs in den Berner Alpen belohnt.
Peter Anderegg, langjähriges, und sehr aktives Mitglied des Vorstandes, hielt die Festrede. Eindringlich warnte er davor, die Gefahr für die Grimsel nach dem Entscheid des Verwaltungsgerichtes auf die leichte Schulter zu nehmen. Die Mauererhöhung, so Peter weiter, sei eben auch ein Prestigeprojekt, das ungern und leider wohl nie endgültig begraben würde.
Gleich drei Alphornbläser begleiteten den alljährlich stattfindenden Anlass gekonnt und mit viel Inbrunst. Das stattliche Feuer erhellte und erwärmte die Gesichter der Bergversammlung und passte wunderbar in die Berglandschaft, die langsam in der Dunkelheit verschwand.
Nach Rede, Feuer und Gesang machten sich die meisten an den Abstieg, der leider etwas unkoordiniert vonstatten ging - dies soll sich im nächsten Jahr bessern. Das Feuer in den Alpen war ein toller Anlass mit vielen neuen und alten Gesichtern, mit denen es hoffentlich bald ein freudiges Wiedersehen gibt.
Dotierversuche
Im Rahmen der Gewässersanierung müssen die KWO bis 2012 ein Sanierungskonzept vorlegen. Um Einsprachen von Seiten der Umweltverbände vorzubeugen, haben sie diese zu den Dotierversuchen eingeladen, welche von der Firma Sigmaplan durchgeführt wurden. Bei den Dotierversuchen handelt es sich Abflussmessungen an allen wichtigen Grimsel-Fliessgewässern, um beurteilen zu können, wie sich die verschiedenen Abflussmengen auf die jeweiligen Bäche auswirken. So kann man einen differenzierten Überblick bekommen, welche Restwassermengen an welchem Ort wie viel für die ökologische Aufwertung bringen würden. Steffen Schweizer, Umweltbeauftragter der KWO, leitete die ganze Aktion. Er war terminlicher Koordinator für die Umweltverbände. Peter von Arx, der für den Grimselverein an fünf Tagen bei den Dotierversuchen anwesend war (Dres Schild an einem), hat einen guten Überblick über das Projekt gewinnen können und wird auch in Zukunft Ansprechpartner für Steffen Schweizer und den Grimselvereinsvorstand in dieser Sache sein. Das Interesse des Grimselvereins wurde von Seiten Steffen Schweizers geschätzt und es ergaben sich interessante Gespräche, bei denen unsere Position immer wieder eingebracht werden konnte. Vom Vorstand selbst konnte Eva von Arx an einem Nachmittag dabei sein.
Sobald die Firma Sigmaplan ihre Messungen ausgewertet haben wird, werden die Umweltorganisationen auch Einblick erhalten.
Ausblick
Generalversammlung und Informationsveranstaltung Sonntag 23. Nov. 2008
Am Sonntag 23. November lädt der Vorstand zur ordentlichen Generalversammlung und anschliessenden Vorträgen mit Diskussionsrunde ein. Frau Simonetta Sommaruga, Ständerätin des Kt. Bern, ist u.a. Mitglied der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (UREK) und der Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK). Dieses Jahr stand die Initiative "Lebendiges Wasser" zur Beratung an. Sie ist eine exzellente Kennerin der Konflikte zwischen Gewässerschutz und Wassernutzung und überbringt uns dazu neuste Informationen aus Bundes-Bern.
Als zweiter Referent wird uns Herr Dr. Manfred Fischedick, Vizepräsident und Leiter Zukünftige Energie- und Mobilitätsstrukturen am Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH, über die Entwicklung alternativer Energiegewinnung und die Bedeutung der Wasserkraft im europäischen Elektrizitätsmarkt informieren. Anschliessend gibt es Gelegenheit Fragen zu stellen und zu diskutieren.
Grimselskitour 2009
Die Grimsler-Skitour wird am verlängerten Wochenende vom 27.-29. März 2009 stattfinden. Die Tourenziele sind noch nicht definitv festgelegt, aber denkbar wäre zum Beispiel eine Rundtour in der Region Engelberg-Spannort-Uratstock mit etwas anspruchsvolleren Touren und Hüttenübernachtung. Interessierte Vereinsmitglieder, welche in den letzten Jahren an den Skitouren dabei waren, werden rechtzeitig über das geplante Programm informiert.
Tel. Auskunft und Anmeldung bei: Thomas Schott, 032 322 52 37 oder 079 820 92 57, am liebsten per e-mail an thomy.schott (at) bluewin.ch
Auf ein zahlreiches Wiedersehen freut sich der Vorstand und wünscht eine schöne Zeit
Der Vorstand