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Rundbrief 42, Oktober 2006

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde

Anfangs Mai, zum Zeitpunkt des letzten Rundbriefversandes, hat uns das Wasserwirtschaftsamt des Kantons Bern die baldige Möglichkeit der Einsichtnahme in die Umweltverträglichkeitsprüfung zum KWO-Bauprojekt „Staumauererhöhung“ (KWO plus, Teil 3) in Aussicht gestellt. Ein halbes Jahr später soll’s nun endlich soweit sein: vielleicht noch vor unserer Generalversammlung erhalten die Einsprecher Post und Gelegenheit zur Einsichtnahme in weitere Mitberichte.

Die Beurteilung aller Einsprachepunkte benötigte viel Zeit, da zur Beantwortung der wichtigen Fragen auch externe Gutachten erstellt, Stellungnahmen der Fachstellen von Kanton und Bund sowie der Eidg. Natur- und Heimatschutzkommission (ENHK) eingeholt werden mussten. Die ENHK musste insbesondere beurteilen, ob die Eingriffe des Bauvorhabens in diesem Gebiet, das sich im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) befindet, statthaft sind. Auch musste die KWO noch einen Bericht zu den ökologischen Auswirkungen auf den Brienzersee abliefern. Wenn sämtliche Entscheidungsgrundlagen vorliegen, zu denen auch die Prüfung der Umweltverträglichkeit des Bauvorhabens gehört, werden auch die Einsprecher oder deren Vertreter mit einer verfahrensleitenden Verfügung über den Stand und den weiteren Ablauf des Verfahrens sowie über die Einsehbarkeit der Akten informiert und gleichzeitig mit einem Teil der Berichte beliefert. Ab dann läuft eine ca. 4 bis 6-wöchige Frist für die Einreichung einer Stellungnahme. In dieser Phase wird der Grimselverein wieder mit den Umweltorganisationen zusammenarbeiten und die privaten Einsprecher bei Fragen unterstützen. Nach aktuellem Wissensstand rechnet das Wasserwirtschaftsamt mit einem Bauentscheid Ende Januar 2007. Ab diesem Zeitpunkt läuft die 30 tägige Beschwerdefrist. Ob die nächste Beurteilungsinstanz die Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion oder bereits das Verwaltungsgericht ist, wird noch juristisch geklärt. Wir gehen davon aus, dass die Baubewilligung erteilt wird. Gegen einen solchen Entscheid wird der Grimselverein Beschwerde führen.

Soviel wie im letzten halben Jahr wurde schon lange nicht mehr über Energieversorgung diskutiert und geschrieben. Nach Bekanntgabe der ersten Ergebnisse zu den Energieperspektiven 2035/2050 durch das Bundesamt für Energie (BFE) ist der Glaubenskrieg um die Deckung der zukünftigen Nachfrage ab ca. 2020/2030 durch neue KKW’s oder andere alternative Konzepte entbrannt. Das BFE sieht die Prioritätenfolge wie folgt: 1. Förderung der Energieeffizienz, 2. Zubau von Kapazitäten der erneuerbaren Energien, u.a. auch gezielter Ausbau der hiesigen Wasserkraft, insbesondere der Kleinwasserkraft, und 3. verbleibende Lücken durch fossil-thermische Anlagen decken. Das Problem einer zukünftigen Versorgungslücke beurteilt die Elektrizitätswirtschaft aus nachvollziehbaren Gründen als gross und nur mit ihren Konzepten als lösbar. Der Ersatz der älteren nuklearen Werke (Beznau, Mühleberg) durch neue Kernkraftwerke an Standorten, wo bereits heute Kernkraftwerke betrieben werden, steht für die Elektrizitätswirtschaft im Vordergrund. Gleichzeitig suchen aber auch die Stromversorger nach Möglichkeiten, „grünen“ Strom zu beschaffen resp. zu produzieren. Z.B. sollen gemäss Ankündigungen des Stromkonzerns Axpo bis zu 3 Mrd. Franken in den Bau umweltschonender Kraftwerke (Verstromung von Grünabfällen und Holz, kleine Wasserkraftanlagen und sofern realisierbar Geothermie-Kraftwerke) investiert werden. Landesweit werden ökologische Stromprodukte angeboten. Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (Teilhaber von 1/6 an der KWO) hat mit einer Tarifreform die Nachfrage nach „grünem“ Strom derart gesteigert, dass es zu Engpässen bei der Lieferung ökologischer Energie aus Wasserkraft kommen könnte, räumt der Direktor des EWZ ein. Da das EWZ 30% mehr Strom bezieht und produziert als für die Versorgung nötig ist, dürfte der überzählige Atomstrom (z.B. Beteiligung am KKW Gösgen) deshalb in den Strommarkt fliessen. Mit Stromüberschüssen verstehen die schweizerischen Elektrizitätsgesellschaften seit Jahren gut zu geschäften. Die erfreuliche Entwicklung auf der Konsumentenseite und das sich abzeichnende Engagement der Elektrizitätswerke in alternative Stromproduktionen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Elektrizitätsgeschäft der Schweizerischen Kraftwerksgesellschaften in erster Linie im europäischen Strommarkt stattfindet und sehr lukrativ ist. Diese Möglichkeiten zur Gewinnmaximierung wollen die Stromgesellschaften nicht preisgeben. Dafür haben sehr viele Bürger nicht nur Verständnis, sondern sie erachten die Dominanz der Ökonomie über die Ökologie als Grundvoraussetzung und Lebensphilosophie schlechthin. Gerade deshalb braucht es Organisationen wie den Grimselverein, die im Rahmen der rechtsstaatlichen Möglichkeiten die Einhaltung von Gesetz und Verfassung zum Schutz der Natur verlangen und deren Verletzung vor Gericht einklagen.

Im kleineren Rahmen und vor allem auf lokaler und regionaler Ebene haben wir uns im letzten halben Jahr für unsere Anliegen engagiert:

Gletscherwyb
Am 01.07.06, wie jedes Jahr, besuchten wir das Gletscherwyb unterhalb des Lauteraargletscher. Breit und mächtig hat sie uns in ihrer ganzen Schönheit empfangen. Sie trotzt dem Wetter und wacht über die Grimselwelt, die Arven, das Gletschervorfeld und die Moore, damit ihnen kein Unrecht widerfährt. Zum Dank schmückten wir sie mit neuen Fahnen und feierten mit ihr an einem wunderschönen, sonnigen Tag.

KWO plus, Teil 4
Ende August kam es zu einem Treffen zwischen der KWO und einer Delegation von Vertretern der Umweltorganisationen. Vom Grimselverein haben Doris Heiniger und Urs Eichenberger teilgenommen. Die KWO haben ihre Ausbaupläne (KWO plus, Teil 4) zum Kraftwerk Innertkirchen 1 vorgestellt. Die Leistungssteigerung durch eine zusätzliche Turbinenmaschine verschärft die Schwallproblematik in der Aare. Die KWO beabsichtigen deshalb, das Unterwasser nicht mehr direkt in das Gadmerwasser zu leiten, sondern gemeinsam mit den Abflüssen aus dem Kraftwerk Innertkirchen II in ein Ausgleichsbecken zu leiten und über eine grosse Zahl kleiner Syphonturbinen in die Aare abzulassen und damit die Schwallenergie zu dämpfen. Die Bachforelle und die Seeforelle könnten wieder ins saubere Gadmerwasser aufsteigen, die Schwallproblematik würde gegenüber heute nicht vergrössert, sondern eher entschärft. Es liegen keine ökologischen Untersuchungen vor, welche zur Festlegung der Schwalldämpfungsziele herangezogen werden können. Wir fordern daher ökologische Untersuchungen über die Schwallauswirkungen, inkl. Modellierungen.

Förderverein Pro Alpbachschlucht
Hanspeter Thöni, Grimselvereinsmitglied der ersten Stunde, ist Initiator der Restaurierung der Weganlage samt Brücke durch die Alpbachschlucht. Der Grimselverein ist dem Verein Pro Alpbachschlucht beigetreten und hat Fr. 3‘000.- gespendet: ein bescheidener Beitrag, angesichts der grosszügigen Spende der KWO von Fr. 30'000.-

Internationale und nationale Besucher
Anfang September besuchte eine Delegation aus Tadjikistan, die am ICDR (International Conference on disaster reduction) in Davos teilgenommen hat, die Schweiz. Dres Schild und Remo Galli führten die Gruppe an die Grimsel. Die Begegnung mit diesen Wasserfachleuten war interessant. Ein Gegenbesuch im nächsten Sommer wäre eine schöne Revanche.

Im Laufe des Sommers wurden an der Grimsel (Grimsel Hospiz) auf Anfrage drei Informationsveranstaltungen über die Sichtweise des Grimselvereins zum Projekt KWO plus durchgeführt:

1. Barbara Schläppi und Eva von Arx informierten eine Gruppe Interessierter aus Deutschland unter der Leitung von Journalist Gerhard Fitzthum anlässlich einer Wanderung über Säumerwege.

2. Eva und Peter von Arx informierten eine Gruppe von Umweltingenieurstudenten der Fachhochschule Wädenswil unter Leitung von Dozent Stefan Brenneisen anlässlich einer Exkursion auf die Grimsel .

3. Eva und Peter von Arx wurden im Rahmen einer Projektarbeit der Berufsmittelschule Lenzburg zum Thema "Elektrische Energieversorgung in der Schweiz“ befragt. Vorgängig hatten die drei Mittelschüler ein Interview mit R. Künzler der KWO durchgeführt. Die Schlussfassung dieser Arbeit wird dem Grimselverein ebenfalls zur Verfügung gestellt werden.

Studie über die wirtschaftliche Bedeutung der KWO fürs Oberhasli
Im Oktober haben die KWO den von ihnen bestellten Bericht zur regionalwirtschaftlichen Bedeutung der KWO resp. der Auswirkungen der geplanten Investitionen (KWO plus) vorgelegt. Dass die KWO für das Oberhasli eine grosse wirtschaftliche Bedeutung hat und diese für die drei Gemeinden innert dem Kirchet gar enorm und meinungsbildend (Anm. Red.) ist, erstaunt uns nicht. Auch uns ist klar, dass die Bauinvestitionen von KWO plus während der Bauzeit Beschäftigung schaffen wird. Der Bericht bestätigt unsere Aussage, dass langfristig (nach Fertigstellung der Mauererhöhung ) nur 1 oder 2 Vollzeitstellen geschaffen werden. Die Studie zeigt z.B. auch auf, dass im Jahr 2005 der überwiegende Anteil (92%) des regional wirksamen Umsatzvolumens dem Betrieb zuzurechnen ist, auf die Investitionen lediglich ein Anteil von 8% entfällt und dass die Beschäftigungswirksamkeit der Investitionen in die assoziierten Geschäftsbereiche (Turbinenwerkstatt und touristisches Standbein) im Verhältnis zu den Bauinvestitionen von KWO plus viel grösser sind. Die Studie unterscheidet klar zwischen den positiven Auswirkungen der Mauererhöhung (ca. 220 Mio. Baukosten) und von KWO plus als Ganzem (ca. 900 Mio.). In den Schlussfolgerungen sowie in der Präsentation durch die KWO und vor allem auch in der Berichterstattung wurde diese Differenzierung stark verwischt und zugunsten von KWO plus ausgelegt. Auch bleibt die Frage unbeantwortet, mit welchen Auswirkungen zu rechnen wäre, wenn anstelle einer Erhöhung nur die ohnehin fällige Sanierung der Staumauer (ca. 70 Mio.) realisiert würde. Ebenfalls nicht behandelt wurden die möglichen negativen Auswirkungen auf die regionale Wirtschaft infolge der Natur- und Landschaftszerstörung durch die Mauererhöhung. Eine kritische Beurteilung fehlt weitgehend, negative Erfahrungen mit ähnlichen Projekten werden ausgeblendet: beispielsweise profitiert die Leventina nicht in dem Masse, wie sie es sich erhofft hatte, vom Bau der NEAT. Der Gemeindepräsident von Faido sprach in der Tessinerzeitung vom 14. Juli 2003 deutliche Worte. „Was wurde uns alles versprochen, während der Bewilligungsverfahren, als es darum ging Rekurse zu verhindern. Hohe Erwartungen wurden geweckt, die jetzt bitter enttäuscht werden“. Die fast nur ausländischen Arbeiter auf den Baustellen (auch die Schweizer Firmen beschäftigen mehrheitlich ausländische Arbeiter) leben im Containerdorf, schuften bis zu neun Tagen Schicht und verreisen in der Freizeit nach Hause.

Grimselwelten
Es scheint, dass die KWO die Grimselwelt zunehmend noch mehr gestalten und beleben will. Mit Bahnen (Gelmer, Trift und Tälli) und Besuchertourismus haben sie Betriebsamkeit in die Berge gebracht, Arbeitsplätze geschaffen, einheimisches Schaffen gefördert. Wie immer gibt es zwei Seiten derselben Medaille. Die Menschen bringen Unruhe, Lärm und Hektik - wollen wir dies in unseren Bergen? Nach seiner Meinung zum Umbau des Mysteryparks in einen Erlebnispark befragt, äussert sich auch Hanruedi Müller (Direktor des Forschungsinstituts für Freizeit und Tourismus an der Uni Bern) in einem Interview in der Jungfrauzeitung kritisch zu dieser Entwicklung. Sein Nein zu diesem Park begründete er unter anderem mit: „Das ganze Berner Oberland ist bereits ein origineller, riesiger Freizeitpark“. Wollen wir dies? Es müssen Kräfte und Stimmen wachsen, die sich gegen die absolute Vereinnahmung der Natur durch die Menschen zum Zweck der Vermarktung und Gewinnsteigerung zur Wehr setzen.

Schoufeischter Expo
Vom 3. bis 6. November findet in Meiringen die Gewerbeausstellung «Schoufeischter» statt. 50 Betriebe aus der alpenregion.ch präsentieren sich an vier Tagen in der Tennishalle Meiringen. Im August hat Gisela Straub unsere Anfrage um eine Standplatz bei dieser Ausstellung eingereicht. Wir beabsichtigten unsere schönen Bilder zu zeigen und interessierten Besuchern Auskunft zu geben. Ende September traf die Absage ein. Wir konnten es verkraften. „Mann“ war besorgt, die Präsenz des Grimselvereins könnte „Andere“ provozieren. Letzterem können wir durchaus zustimmen, wir wollten ja auffallen und einen andern Standpunkt vertreten als die KWO, die selbstverständlich ihr Schoufeischter erhalten hat.

Parcours du Glacier de l’Aar
Den Parcours kennen zu lernen oder besser gesagt, die darin vorgeschlagene Art, sich unserer schützenswerten Gletscherlandschaft zu nähern, war auch in diesem Sommer möglich. An vier Wochenenden zwischen Juli und Oktober wurde eine Führung durch Mitglieder des Grimselvereins angeboten. Zwei Angebote waren gut besucht, eines konnte wegen den Wetterverhältnissen nicht durchgeführt werden. Für das kommende Jahr sind auch wieder einige Angebote vorgesehen, ein Datum ist schon bekannt: 7./ 8. Juli (beim Gletscherweib), die Daten für die weiteren Angebote folgen. Auskünfte und Anmeldung bei Eva von Arx-Matson, 3860 Meiringen, Tel.: 033 971 42 09, E-Mail: vonarx.matson[at]tel2.ch oder Thomas Schott, 2532 Magglingen, Tel.: 032 322 52 37, E-Mail: thomas.schott[at]bluewin.ch.

Feuer in den Alpen
Das 17. „Feuer in den Alpen“ konnte wie in den Jahren zuvor nicht auf dem Sidelhorn abgehalten werden. Bereits früh musste vor dem Wetter kapituliert werden, die Festaktivitäten wurden nach Guttannen verlegt. Gut 30 treue Grimsler fanden sich schliesslich beim Feuer ein, um den Gedanken von Gallus Cadonau (Geschäftsleiter der schweizerischen Greina-Stiftung) zu folgen und am Feuer noch die neusten Entwicklungen rund um die Grimselsee-Erhöhung zu diskutieren. Der Vorstand dankt für die alljährliche Unterstützung und hofft, das Hasli bald wieder von weiter oben herab zu erhellen.

Grimselvereinsskitour 2007
Auch im 2007 gibt es wieder eine Grimselvereins-Skitour, sie wird vom 30.3. bis 1.4. voraussichtlich im Sustengebiet stattfinden, weitere Informationen werden folgen. Tel. Auskunft und Anmeldung bei: Thomas Schott, Burgerweg 9, 2532 Magglingen, P: 032 322 52 37, G: 031 324 79 33.

Volksabstimmung
Gemäss Bericht der Berner Zeitung muss in der Stadt Bern das Volk über die Erhöhung der Grimselseestaumauern entscheiden. In Basel und möglicherweise in Zürich wird dies auch der Fall sein. Im Abstimmungskampf werden wir gefordert sein. Zusammen mit den Umweltorganisationen und den gleichgesinnten Parteien gilt es viel Informationsarbeit zu leisten - ein Kampf von David gegen Goliath, verfügen doch die Befürworter der Seevergrösserung über deutlich grössere Ressourcen und mediale Unterstützung.

Vereinsjubiläum
Nächstes Jahr wird der Grimselverein 20 jährig. Diesen runden Geburtstag wollen wir gebührend feiern und gemeinsam mit den „Altvorständlern“ vorbereiten. Mehr dazu an der GV


Der Vorstand