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Rundbrief 36, Oktober 2003

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde!

Der Grimselverein geht durch spannende Zeiten. Unsere Zukunft ist offen - wir haben inzwischen auf der Suche nach unserer eigenen Politik, entschlossen, uns vor keinen Karren spannen zu lassen, doch einige Verärgerung provoziert und uns paternalistische Belehrungen beschert - das setzt uns in die Lage, frei und ungeniert den Kurs zu finden, der uns passt. Bitte beteiligt Euch an der Gestaltung unserer Zukunft, schreibt uns, kommt an die Generalversammlung!

Moorschutz: Eine unendliche Geschichte. Die Sunnig Aar liegt in einer "Moorlandschaft von besonderer Schönheit und nationaler Bedeutung" und steht, provisorisch, unter dem Schutz der Bundesverfassung. In der ersten Hälfte der Neunzigerjahre haben heftige Auseinandersetzungen stattgefunden, unter anderem zu den Fragen, ob es sich denn wirklich um eine wertvolle Moorlandschaft handle, wie die Fachleute behaupten. Und wenn ja, ob der Schutz tatsächlich absolut sei, ob nicht doch eine Interessenabwägung zulässig sei und das monströse Projekt Grimsel West nicht am Ende ein nationales Interesse darstelle, das über den Schutz zu stellen sei... Die KWO hat damals über Jahre mit mehr und minder lauteren Mitteln versucht, die definitive Aufnahme in die Schutzinventare zu verhindern. Der Bundesrat hat sich gewunden, nicht entschieden, das Verfahren sistiert.
Inzwischen bekämpft die KWO den Moorschutz nicht mehr fundamental, im Gegenteil: die Angelegenheit muss bereinigt werden, damit gebaut werden kann. Die Moorlandschaft soll an ihrem südlichen Rand um einen Streifen von 27 Höhenmetern verkleinert werden, damit der höhere Seespiegel ausserhalb liegen würde, der (grosse) nicht beanspruchte Rest darf geschützt werden. Diese Verkleinerung ist nach einem juristischen Gutachten von Peter M. Keller nicht rechtens - die Grenze darf nicht im Hinblick auf eine künftige Nutzung verschoben werden (in Klammern: auch der BLN-Schutz fordert, wenn gebaut werden soll, den Nachweis gleich- oder höherwertiger nationaler Interessen). Der Verwaltungsratspräsident der BKW hingegen, Fritz Kilchenmann, kommt in seinem Gutachten zum Schluss, die Moorlandschaft dürfe durchaus verkleinert werden. Dieser Auffassung schliesst sich die Berner Regierung an, was wohl niemanden überrascht. - Auf der Basis dieses Rechtsverständnisses und einer ökologischen "Grundlagenaufbereitung" zu den vorliegenden Studien und Berichten hat der Berner Regierungsrat Ende August beim Bundesrat die Wiederaufnahme der Moorschutz-Inventarisierungsverfahren beantragt . Wir haben zusammen mit WWF und Pro Natura dafür gesorgt, dass der Bundesrat auch das Gutachten Keller und unseren kritischen Kommentar zur "Grundlagenaufbereitung", die wir tendenziös und manipulativ finden, bekommt. Diese Prozeduren werden begleitet von politischen Vorstössen aus dem Grossrat: die SVP will, dass die störenden rechtlichen Auflagen subito beiseite geräumt, die notorischen Verhinderer (damit sind wir gemeint) politisch isoliert werden, das Grüne Bündnis will, wie WWF und Pro Natura, die verfassungstreue Umsetzung des Moorschutzes ohne Abstriche. Der Bundesrat wird binnen Monaten die Moorlandschaft Grimsel entsprechend den Vorstellungen von KWO & Kanton Bern schützen. Und im Rahmen des Konzessions- respektive Baubewilligungsverfahrens werden WWF und Pro Natura den bundesrätlichen Entscheid durch das Bundesgericht überprüfen lassen. Nichts Neues unter der Sonne also.

Brienzersee: Nach der schwer erklärbaren Trübung des Brienzersees und dem dramatischen Einbruch der Felchen-Population sind seit Mai 2000 Untersuchungen zu möglichen Ursachen zusammengestellt worden. Die Fischer vermuten, dass die Trübung eine Folge des Kraftwerkbetriebs ist und das Nahrungsangebot für die Fische und das Sauerstoffangebot für den Laich negativ beeinflusst. Sie fürchten eine Verschlimmerung, wenn mit KWOplus Pump- und Turbinenbetrieb die Abflussverhältnisse der Aare nochmals stark beeinflussen. Eine umfassende Studie der komplexen Verhältnisse im See und ihre Veränderung soll beginnen, sobald die Finanzierung feststeht. Die KWO soll einen Drittel der Kosten von 900'000 Franken übernehmen- und werde dies auch tun, sobald feststehe, dass sie bauen könne, dass der Moorschutz den Höherstau des Grimselsees zulasse. Roland Seiler, Präsident der Berner Fischer, findet diese Haltung der KWO in fetten Schlagzeilen erpresserisch - was uns ein bisschen wahlkämpflerisch-säbelrasslerisch vorkommt. Auch hier nichts Neues unter der Sonne.

KWOplus: Teil 1 des Projekts, ein neuer Stollen Handeck-Kapf, ist im Bau und soll 2006 fertig sein. Teil 2, eine neue Turbine in der Zentrale Grimsel 1 ist bewilligt, soll ab anfangs 2004 bis 2007 gebaut werden. Teil 3, die Erhöhung der Grimselsee-Staumauern um 23m, ist in der Endphase der Vorprojektierung, das Bewilligungsgesuch soll 2004/2005 eingereicht werden. Offenbar geht die KWO davon aus, dass keine Konzessionsänderung nötig ist. Das wird nicht ohne juristische Scharmützel gehen; mit Konzessionsänderungen respektive Neukonzessionen sind strengere ökologische Auflagen verbunden, die man bei der KWO sicher nicht mit Begeisterung inkauf nehmen würde. Die Teile 4 und 5, zwei neue Kraftwerke, die eine Leistungssteigerung von mehr als 1000 MW bringen sollen (entspricht dem AKW Gösgen), sind im Stadium der Planungsstudie respektive des Konzepts. Die KWO hat eine neue Stelle für eine Ökologin/einen Ökologen geschaffen, tut das aus ihrer Sicht Mögliche, um ihr Vorhaben umweltverträglich zu realisieren. Dabei bleibt das Primat selbstverständlich die Nutzung, der die Schutzanliegen nachzuordnen sind. Wir hätten's gern andersrum...

Zum Verhältnis Grimselverein-KWO: Das Scheitern des KOWA-Dialogs hat die Perspektiven des Grimselvereins verunsichert und das politische Klima im Hasli spürbar belastet. Im Frühjahr hat die KWO das engere Oberland via Medien und öffentliche Auftritte mit einer erstickenden Propaganda-Walze überfahren und im Rahmen ihrer Generalversammlung auch verzichtet auf (die vorher beidseits üblich gewordenen) Rücksichten im Stil. Bevölkerungsmehrheit und Volksvertreter, die Gewerbler sowieso, begeistern sich für KWOplus - und in dieser euphorischen Einigkeit regt sich Widerspruch schon deshalb, weil wir hier nicht nordkoreanische Verhältnisse wollen.
Wir haben versucht, uns nicht von Reflexen leiten zu lassen und haben ein Papier verfasst zu Standort und Perspektiven des Grimselvereins. Dieses Schreiben haben wir der KWO, den Umwelt- und Fischereiorganisationen und der Presse zugestellt. Wir halten darin fest, dass wir weiterhin auf einen Konsens hinwirken und uns in der Diskussion um KWOplus für Landschaft und Gewässer stark machen wollen und eine positive Gesamtbilanz anstreben. Und wir haben klar und deutlich unsere Vorstellungen von angemessenen Ausgleichsleistungen kundgetan. - Es gab daraufhin neben ermutigenden Stellungnahmen von Mitgliedern und befreundeten Organisationen auch böse Vorwürfe und anmassende Schelte - der Grimselverein muss seiner Eigenständigkeit nicht nur gegenüber der KWO Sorge tragen und darauf hinweisen, dass er nicht die Ziele der nationalen Organisationen zu vertreten braucht. - Die KWO hat enttäuschend vage & schäbig reagiert, nette Komplimente gemacht, ansonsten keine Antwort gegeben und nicht das mindeste Zugeständnis gemacht. (Alles in voller Länge nachzulesen auf www.grimselverein.ch.) - Wie sollten wir auf einer solch dürftigen Basis weiter verhandeln können!?
Nach solchen Ereignissen täte man gern ausholen zum grossen Befreiungsschlag, die schwierige Widersprüchlichkeit unserer Situation verlassen und die Politik des Grimselvereins in der einen oder anderen Richtung festlegen. Nur: unsere Aussichten sind so oder so eher düster. Ohne Unterstützung der grossen Organisationen wären wir viel zu schwach zum Verhandeln, wären blosses Anhängsel, grünliches Alibi. Einen Konfrontationskurs steuern, den Hardlinern auf beiden Seiten das Ruder überlassen, mag niemand von uns: es ist zu dumpf, zu schal. Mag sein, dass die Situation uns zwingt, die Tätigkeit einzustellen, auf völlig andere Themen umzusteigen oder gar den Verein aufzulösen. Für den Augenblick gilt es, Ungewissheit und Unentscheidbarkeit auszuhalten, abzuwarten, Tee zu trinken - zum Glück hat's manchmal ein feines Zückerli drin.

Wir fragen Euch: wie weiter? Im Hinblick auf die Generalversammlung am 16.11.03 bitten wir Euch: tut uns Eure Meinung kund! Entweder per Post oder via Internet oder noch besser: kommt an die GV und sagt uns, was Ihr denkt! Wahlen: die Präsidentin und zwei weitere Vorstandsmitglieder treten zurück, mit der Wahl von Neuen prägt Ihr die Politik des Grimselvereins mit - bitte kommt und helft den Wandel bewerkstelligen.

Mitteilungen:
· Unser Freund Fredy Kölz, Zürcher Staatsrechtsprofessor, ist Ende Mai gestorben. Er hat uns in den langen Jahren seit der Vereinsgründung mächtig unterstützt. Er fehlt uns.
· Feuer & Wasser in den Alpen: in diesem grossen Sommer drei Tage im Gauli mit gegen hundert Mitgliedern und einer Delegation von Wasserfachleuten aus Tadjikistan waren unvergesslich schön: Feuern & Feiern ist wohl die Kernkompetenz des Grimselvereins.
· Unser Parcours du Glacier de l'Aar hat im "Save the Mountains"-Wettbewerb 10'000 Franken gewonnen und geniesst viel Anerkennung, hat allerdings nur wenige aktive Gäste. Kein Instant-Kick halt und wohl deshalb zur Zeit nicht so gefragt.
· l'art pour l'aar mit Kunst auf der Wasserscheide Grimsel: anfangs August floss für ein paar Stunden Wasser, das die KWO nutzt und zur Nordsee ableitet, dorthin, wo es einst natürlicherweise hinfloss: nach Süden, ins Mittelmeer.
· Wir haben seit Frühjahr wieder etliche Exkursionen begleitet, Vorträge gehalten, an Tagungen teilgenommen, uns weitergebildet und Information vermittelt.
· Es gibt die "Aktion Mühleberg stilllegen AMüs" nicht mehr - diese zähen KämpferInnen haben damals den Widerstand gegen Grimsel West nach Kräften unterstützt und haben nach all den Jahren Arbeit jetzt aufgehört.
· Die "Oberhasli Landsgemeinde" (der Name lässt Streben nach Freiheit, Eigenständigkeit u.ä. vermuten), ein Verein, in dem Gewerbler, GemeindepräsidentInnen und Hasli-Grossräte zusammengeschlossen sind , hat einen Besuch bei Bundesrat Leuenberger geplant, um kund zu tun, wie die Region (!) zum Projekt KWOplus steht. Zur Vorbereitung war vorgesehen, wörtlich aus einem Mail von Sekretär Christoph Ammann (Nationalratskandidat, "gradlinig", "ehrlich" und "glaubwürdig"!!) : "Präsident und Sekretär werden mit KWO-Direktor Biasiutti festlegen, was dem UVEK als Botschaft überbracht werden soll." Soviel zur Unabhängigkeit unserer Regionsvertreter: bitte teilen Sie mir meine Meinung mit!
· Grimselgespräche abgesagt: wir fanden es nicht klug, gemeinsam eine öffentliche Veranstaltung anzubieten, solange das Verhältnis Grimselverein-KWO, nach gescheitertem Dialog, ungeklärt war. Die Zukunft der "Grimselgespräche", eines ungewöhnlichen, in der Schweiz einmaligen Projekts, ist offen.
· Wegverlegung entlang dem Grimselsee: die KWO will im Hinblick auf die Seespiegelerhöhung den Lauteraarweg entlang dem See verlegen, und zwar schon allernächst damit beginnen. Wir finden dieses Ansinnen dreist, obwohl die Wegverlegung als solche eine gute, g'freute Sache werden kann: die Mauererhöhung hat noch keine rechtskräftige Bewilligung. Aus unserer Sicht braucht am Weg vorläufig nichts gemacht zu werden - an der einzigen etwas exponierten Stelle haben wir kürzlich ein Handseil montiert mit dem Hinweis "Hier baut der Grimselverein - für Ihre Sicherheit". Wir haben auch, endlich, eine Tafel angebracht beim Gletscherweib, damit Spaziergängern klar wird, wozu diese Steinfigur dort am Gletscher steht.

Vorhaben:
· BKW-Aktien ins Hasli: wir schenken den drei Gemeinden innert dem Kirchet je 1 BKW-Aktie. Die BKW-Aktien haben ihren Wert in den letzten anderthalb Jahren verdreifacht. Die BKW hat im ersten Halbjahr 2003 ihren Gewinn um einen Drittel gesteigert und senkt die Strompreise, was sie 50 Millionen Franken im Jahr kosten wird. Es stört uns, dass das Hasli als "Randregion" derart zu kämpfen hat mit Abwanderungs- und Beschäftigungsproblemen, unter den Sparbemühungen des Kantons leidet und nicht beteiligt ist an den Gewinnen aus dem einträglichen Handel mit KWO-Strom. Unser Geschenk hat eher symbolischen Charakter: als Aufforderung, die Rolle des Bittstellers zu verlassen und das Selbstverständliche, nämlich eine angemessene Beteiligung, zu fordern.
· Die KünstlerInnengruppe l'art pour l'aar präsentiert ihre Aktion am 22.11.03, 20 00 Uhr im Rahmen eines Konzerts der Reihe "l'art pour l'aar" (das gibt's!!)des "ensemble bern modern" in der Kirche Meiringen. Eintritt frei - kommt zuhauf! · Kontakte mit USOs: natürlich pflegen wir weiterhin Kontakte mit unseren Freunden und Verbündeten, auch wenn niemand mehr der Illusion nachhängt, dass wir uns auf ein gemeinsames Vorgehen einigen können.
· Skitourentage 2004: bitte merkt die Daten vor: 2.-4. April 2004. Neuer Abteilungsleiter Skitouren ist Reto Schild, Meiringen, Tel 033 971 58 85, Natel 079 470 03 62.
· UNESCO-Osterweiterung: wir wollen, dass die Aaregletscher im Zug der aktuellen Erweiterungsdiskussion aufgenommen werden ins Welt-Naturerbe-Gebiet der UNESCO "Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn" und starten demnächst eine neue Initiative, voraussichtlich zusammen mit der Wiener Organisation "Alliance for Nature".

Wir wünschen Euch einen milden, goldenen Herbst, grüssen Euch herzlich, und die Präsidentin sagt Adieu!
Der Vorstand