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Rundbrief 34, Oktober 2002

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde!

Ein ernstes Wort in eigener Sache: bitte nehmt Stellung!
An einem guten Tag kann die KWO, unser Partner respektive Gegner im Konfliktlösungsdialog, aus dem Betrieb ihrer Anlagen zwei- bis dreihunderttausend Franken einnehmen, und wir: erstmals in unserer Geschichte können wir unsere Verpflichtungen nicht ordnungsgemäss erfüllen, es fehlen an die zehntausend Franken, und dies bei eher abnehmenden Kosten und nach Auflösung der Rückstellung. Ihr seht: langsam blutet der Grimselverein aus. Seit wir nicht mehr kämpfen, sondern verhandeln, haben wir etliche Mitglieder verloren. Und Ihr, die Ihr nicht ausgetreten seid, zeigt leider wenig Begeisterung beim Einzahlen des Mitgliederbeitrags: seit Jahren zahlt nur etwa ein Drittel der Mitglieder den Jahresbeitrag. So kann der Vorstand nicht weiterarbeiten, nicht einmal die Aufwendungen können gedeckt werden. Nun: wer von Euch meint, es sei der Mühe wert, weiterhin für Landschaft und Wasser im Hasli einzustehen, wer denkt, es brauche den Grimselverein vorläufig noch, soll grosszügig spenden und in seinem Bekanntenkreis ein Neumitglied werben. Wir sind auf Euch angewiesen und danken den zuverlässig zahlenden Mitgliedern und Spendern! Wer sich nicht mehr beteiligen möchte an unserem Bestreben, beim Ausbau der Wasserkraft im Hasli mitzureden und dabei die Anliegen der Natur zu vertreten, teile uns das bitte mit. Überhaupt: lasst uns doch bitte wissen, wie Ihr die Zukunft des Grimselvereins seht!

Stand Projekt KWO plus
Die Bauarbeiten für Teil 1 des Projekts KWO plus sind seit Mai im Gang: zwischen der Handeck und dem Wasserschloss Chapf oberhalb Innertkirchen wird ein neuer, zehn Kilometer langer Stollen gebaut. Noch diesen Herbst soll mit der Installation der Tunnelbohrmaschine begonnen werden. Mit diesem neuen Zuleitungsstollen wird die Stromausbeute ohne Nutzung von zusätzlichem Wasser um 50GWh besser sein. Auf die Gewässer hat dieser Ausbau keine Auswirkungen. Was bleiben wird, ist die Deponie des Stollenausbruchs im Bärfallen hinter dem Dorf Guttannen. Diese Deponie wird unter Einbezug von Umweltfachleuten sorgfältiger gestaltet und bepflanzt werden als dies früher üblich war.

Im September hat die KWO die Unterlagen für das Baubewilligungsgesuch KWO plus Teil 2 eingereicht: in der unterirdischen Zentrale Grimsel 1 werden alte Maschinen ersetzt durch eine neue dreimal leistungsfähigere Francis-Turbine. Mit dem Umbau wird es möglich sein, 30 GWh mehr Strom zu produzieren, das Wasser nimmt nicht mehr wie bisher den Umweg mit ungünstigem Gefälleverlust über den Gelmersee, sondern wird direkt zwischen Grimselsee und Räterichsbodensee genutzt.
Beide Ausbauteile sind unbestritten: es handelt sich um Sanierungen und Aufwertungen der bestehenden Anlagen, ohne gravierende Umweltauswirkungen.

KWO plus Teil 3 hingegen, von der KWO als Kernstück des Projekts KWO plus bezeichnet, ist strittig: die Mauern des Grimselsees sollen um 23m erhöht werden, der See würde dadurch um 70% vergrössert, resultieren soll eine Umlagerung von 200 GWh der Stromproduktion in den Winter. Überstaut würden das dynamische Gletschervorfeld des Unteraargletschers und ein Teil der Moorlandschaft samt der dichtesten Baumgruppe des Arvenwalds. Das Abflussregime der Aare und der Brienzersee würden beeinflusst. Es ist fraglich, ob diese Umlagerung in den Winter gesamteuropäisch betrachtet ökologisch sinnvoll ist, wie die KWO das behauptet. Die KWO glaubt, die Verkleinerung der Moorlandschaft sei rechtlich möglich – wir bezweifeln das.

Die weitern Ausbauteile sind noch nicht in greifbarer Nähe, besonders der letzte vorgesehene Ausbauteil 5 hätte aber derart gravierende Auswirkungen auf die Umwelt, dass sie uns schon heute beschäftigen müssen: Mit KWO plus Teil 4 würde eine unterirdische neue Zentrale, Grimsel 3, gebaut, das Wasser zwischen Oberaarsee und Räterichsbodensee hin und her gepumpt und turbiniert, die Auswirkungen auf das Abflussregime der Aare wären gering. Hingegen wären mit dem Ausbauteil 5, der neuen Zentrale Innertkirchen 3, massive Eingriffe in den Wasserhaushalt der Aare verbunden. Heute werden aus den Zentralen Innertkirchen 1 und 2 60m3 Wasser/sec an die Aare zurückgegeben, was in der Aare einen Pegelunterschied von 1.25m ausmacht. Mit der geplanten neuen Kraftwerkzentrale mit 700MW Leistung kämen nochmal 80m3 dazu. Ein Ausgleichsbecken in Innertkirchen wäre nötig, es müsste, um über ein paar Stunden den Schwall dämpfen zu können, 1Mio m3 gross sein, wie der Trübtensee (wohin damit??), vielleicht müssten im Aareboden auch „Auenbirnen“ geschaffen werden, wo das Wasser sich ausbreiten könnte... Es dürfte schwierig sein, diese enormen Schwankungen einigermassen auszugleichen (See mit natürlichen Ufern, Auen...?). - Diese Perspektive könnte einen beklommen machen. Es werden auch sehr viel mehr Leute direkt betroffen sein als im Fall der ersten Ausbauteile und wir halten es für eine Aufgabe des Grimselvereins, schon heute zu informieren.

Konfliktlösungsdialog
Es ist zäh und schwierig, diesen Dialog zu führen und den Glauben an ein befriedigendes Ergebnis nicht zu verlieren. Nicht alle Umweltorganisationen sind entschlossen, dabeizubleiben, bis tragfähige Kompromisse gefunden sind, der Rückgriff auf „bewährte Kampfmittel“ ist eine ständige Verlockung.

Drei Hauptthemen sind in Diskussion: Laut einem Rechtsgutachten, von Herrn Dr. P. Keller im Auftrag von Grimselverein, WWF und Pro Natura verfasst, ist es nicht zulässig, die Moorlandschaft Grimsel so zu verkleinern, wie das Projekt KWO plus es vorsieht. Wir hätten also mit diesem Gutachten ein Instrument in der Hand, mit dem wir die geplante Mauererhöhung bis vor Bundesgericht bekämpfen könnten. Wollen wir das?

Können wir uns auf eine gemeinsame Einschätzung der energiewirtschaftlichen Bedeutung von KWO plus einigen? Abgesehen von den unmittelbaren ökologischen Auswirkungen: wäre der Ausbau im Licht der europäischen Energieversorgung sinnvoll? – Zu dieser Frage gehen die Meinungen bisher auseinander, es ist fraglich, ob ein Konsens zustandekommt. Welche grosse Ausgleichsmassnahme, überzeugende ökologische Aufwertung könnte uns dazu bewegen, auf den Rechtsweg zu verzichten? Wenn die KWO eine der bestgeschützten Landschaften in der Schweiz weiter beeinträchtigen will, wie kann sie diesen Eingriff aufzuwiegen versuchen? Ideen und Visionen sind da, zur Realisierbarkeit gibt es noch wenig Handfestes.
Noch in diesem Spätherbst wird sich klären, ob wir auf ein allseits akzeptables Ziel hinarbeiten können oder zum Schluss kommen, dass diese Sorte Dialog besser beendet wird.

Eins der bisherigen Ergebnisse des Gesprächs: die Gewässersanierung ist in Angriff genommen. Nach der Annahme des Gewässerschutz-Gesetzes im Jahr 1992 müssen die genutzten Gewässer bis 2007 saniert werden, das heisst insbesondere, dass unterhalb von Wasserfassungen angemessene Restwassermengen fliessen müssen. Der Kanton Bern hat es nicht besonders eilig mit der Umsetzung des Gewässerschutz-Gesetzes und hat keine Anstalten getroffen, einen Sanierungsbericht für die von der KWO genutzten Gewässer zu erstellen. Ermutigt von den Perspektiven des Konfliktlösungsdialogs hat die KWO nun von sich aus die Erstellung eines Sanierungsberichts in Angriff genommen statt auf das Diktat des Kantons zu warten. Im Auftrag der KWO erarbeiten Joachim Hürlimann und Werner Dönni vom Umweltbüro Aquaplus in Zug den Bericht zur Gewässersanierung. Bisher ging es vor allem um Aktenstudium: neben der KWO-Wasserstatistik und allen Angaben zu den Fassungen gibt es nach der Auseinandersetzung um Grimsel West eine Fülle von Unterlagen und Studien. Die vorhandenen Daten sind eingespiesen worden in ein GIS (geographisches Informationssystem), mit dessen Hilfe Gegebenheiten und Veränderungen im Gelände und an den Wasserläufen am Computer anschaulich gemacht werden können. Bis Ende Oktober 02 werden alle Wasserfassungen im Gelände angeschaut und im Lauf des Winters soll ein Sanierungsbericht verfasst werden, der die Situation und mögliche Verbesserungen für jede einzelne Fassung darstellt. Dabei werden sowohl ökologische Aspekte als auch wirtschaftliche Auswirkungen diskutiert. Anschliessend, in einem zweitem Schritt, wird ein Sanierungskonzept für das ganze Einzugsgebiet der KWO erstellt. Es ist noch offen, ob der Beobachtungszeitraum verlängert werden muss – frühestens 2004 ist mit dem Konzept zu rechnen. Die ganze Sache kostet die KWO voraussichtlich 300'000 Franken. Ab 2005 könnte mit der Umsetzung begonnen werden. Moorschutz: Die KWO ist aktiv geworden und strebt die definitive Inventarisierung der Moorlandschaft Grimsel an: nächsten Sommer soll der Kanton Bern beim Bund eine „grundeigentümerbereinigte“ Eingabe machen, d.h. die Moorlandschaft vermindert um den Streifen dem Grimselsee entlang, der nach der Mauererhöhung untergehen würde soll nun endlich definitiv geschützt werden. Damit wäre die Abkehr von Grimsel West vollzogen. Unsere Haltung im Dialog: wir bekämpfen die Nutzung der Wasserkraft im Hasli nicht und befürworten die Erneuerung und Verbesserung der bestehenden Anlagen sowie den massvollen Ausbau der KWO-Anlagen. Wir sind unter Umständen bereit, auf die Ergreifung von Rechtsmitteln zu verzichten, dann nämlich, wenn die Ausgleichsleistungen der KWO eine echte ökologische Aufwertung, eine namhafte Verbesserung der heutigen Situation in einem ebenfalls bundesrechtlich geschützten Gebiet, zum Beispiel mit dem Rückbau bestehender Anlagen, mit sich bringen.

Nachlese, Hinweise, Vermischtes
Grimselgespräche:120 TeilnehmerInnen aus dem Haslital und aus der ganzen Schweiz trafen sich am 13. September im Grimsel Hospiz zu den zweiten Grimselgesprächen: „Bergtäler - Herausforderung für ihre Bewohner“. Michel Roux von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft eröffnete die Tagung mit einem interessanten Referat zum Überleben der Bergtäler. In drei Arenen wurde mit lokalen und schweizerischen Vertretern diskutiert. In der dritten Arena „Bauen gestaltet - Bauen zerstört“ waren die alten Grabenkämpfe stark spürbar. Der Zeichner Pfuschi begleitete die Tagung mit treffenden Cartoons.

Die Vorbereitungen für die Grimselgespräche verliefen mit den KWOlern Max Ursin und Ernst Baumberger und den Grimselvereinlern Gisela Straub, Emil Feuz und Barbara Schläppi in gutem Einvernehmen. Die Aufnahme einer dritten Partei, Vertretung der Hasli-Bevölkerung in die Trägerschaft der Grimselgespräche ist in Diskussion: wer kann die Bevölkerung vertreten? Barbaras Fazit: ohne Kommunikation läuft zur Zeit nichts. Am Prozess, mit KWO plus eine gute Lösung zu finden, müssen alle Betroffenen mitarbeiten.

Parcours du Glacier de l’Aar: Mit unserem Parcours erheben wir wider die sanfte Konsumismus-Verblödung einen aufklärerischen Anspruch.Eingeweiht am 6. Juli bei strömendem Regen, eingepfercht in einem engen Lokal auf dem Hospiz, wie an den Rand gedrückt, hat dieser Parcours dennoch einige Beachtung und Anerkennung gefunden. Er wurde z.B. vom Staatssekretariat für Wirtschaft – Seco – als Beispiel für ein sehr gutes Angebot im naturnahen Tourismus ausgewählt oder von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz als umwelterzieherisch wertvoll eingestuft. Begangen wurde er erst wenig. Fehlt es am geforderten Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen oder an der Zeit? Die gestellten Ansprüche sind allerdings nicht ganz gering. On continue!

Die Sommeraktivitäten waren vielseitig und vergnüglich. Wir haben das Gletscherweib neu errichtet und geschmückt. Feuer in den Alpen war ein unvergesslicher Tag, mit Schneefall und heftigem Wind auf dem Grimselpass, auch dank l’art pour l’aar und grossartiger Musik ein aussergewöhnlicher Anlass , den immerhin an die siebzig Mitglieder besucht haben... Eine denkwürdige „Promitour“ des Schweiz. Bergführerverbands und des Grimselvereins, zum UNO-Jahr der Berge, hat Ende August ein Handvoll Prominenz über das Ewigschneehorn von der Lauteraar ins Gauli geführt, ein paar köstliche Ideen generiert. Die Herbstexkursion: Parcours du Glacier de l’Aar ist leider dem frühen Schneefall zum Opfer gefallen – vielleicht nächstes Jahr??

BKW-Aktien kaufen?
Der Mehrheitsaktionär Kanton Bern verkauft einen Teil seiner BKW-Aktien, weil er Geld braucht. Diesmal wird nicht ein ganzes Aktienpaket gezielt an einen strategischen Partner verkauft (der deutsche E.on-Energiekonzern ist so zu 20% der BKW-Aktien gekommen), sondern die Aktien sollen möglichst breit im Volk gestreut werden. Soll der Grimselverein BKW-Aktien kaufen, was meint Ihr?? Wir möchten anregen, dass Gemeinden hier im Hasli BKW-Aktien erwerben und damit signalisieren, dass sie beteiligt sein wollen an den Gewinnen, die mit dem Handel von Spitzenenergie erzielt werden. Überhaupt scheint es uns wichtig, dass die Region sich verstärkt bemüht um Einfluss auf den Umgang mit ihrer Wasserkraft: warum nicht drei der zwölf Verwaltungsratssitze der KWO ins Hasli holen? – Leider trauen sich die Leute im Hasli nicht so ohne weiteres zu, mitzureden, mitzugestalten, sich so weit wie möglich einzumischen, und manche tun lieber klagen über die Obrigkeit und bejammern das Schicksal der vernachlässigten Randregion - unsere Anregungen in dieser Richtung verhallen ungehört.

Bitte vormerken: Skitourentage 2003: 25.-27.4.03! Wir besuchen das Bächli- und das Gauli-Gebiet, es kommen einige Bergführer mit, und wir wollen wie üblich in mehreren Gruppen unterwegs sein, distinguiert flanierend, als wilder Haufen – Manches ist möglich. Und wir werden uns in den Hütten zum Plagieren u.a.m. treffen. InteressentInnen können sich wenden an: Dres Schild, Ittigenstr.19, 3063 Ittigen, Tel 031 921 56 96. Oder: Reto Schild, Schulhaus, 3864 Guttannen Tel 033 973 00 16, 079 470 03 62

Unsere Klassiker könnt Ihr ebenfalls schon vormerken: 5.7.03 Gletscherweib, 9.8.03 Feuer auf dem Sidelhorn. Mehr und Näheres im Frühling!

Liebe Grüsse Euch allen!
Der Vorstand