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Rundbrief 30, Oktober 2000
Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde!
Grimsel West ist Vergangenheit - wir sind dran, uns neu zu orientieren. Das ist spannend, eine Zeit des Umbruchs, und es ist verunsichernd; klar ist unser wesentliches Anliegen der Einsatz für Landschaft und Gewässer, weniger klar sind die konkreten Ziele, die Mittel, die Wege. Und es ist verständlich, wenn manche Mitglieder finden, die Luft sei draussen und sich in unserem Verein nicht länger engagieren mögen. Wir meinen, es gibt noch Einiges zu tun: mindestens muss der „Konfliktlösungsdialog KWO plus“ erste ermutigende Resultate zeitigen, muss das Projekt „Schulstube auf dem Gletscher: Parcours du Glacier“ umgesetzt sein, muss sichergestellt sein, dass die Moorlandschaft Steingletscher am Sustenpass nicht von neuen KWO-Gelüsten tangiert wird, bevor wir uns zur Ruhe setzen können. Und wir bitten Euch, uns die Treue zu halten.
Statutenänderung - unser Zweckartikel passt nicht mehr
Im Zweckartikel unserer Statuten steht: „Das Ziel unseres Vereins (...) besteht in der Verhinderung des geplanten Weiterausbaus der KWO-Anlagen im Haslital, (...)“. Mit Weiterausbau ist hier das Projekt Grimsel West gemeint. Nach Beschluss der Generalversammlung vom 12.2.00 ist es nicht unser Ziel, das aktuelle Vorhaben KWO plus zu verhindern, zumal es hier auch um Sanierung und Verbesserung der bestehenden Anlagen geht, wie wir dies schon immer gefordert haben. Ob wir dem Ausbau, besonders der geplanten Mauererhöhung um 23m der Grimselstaumauern zustimmen können und unter welchen Bedingungen, ist noch offen, wir wollen dies in Verhandlungen mit der KWO klären und möglichst viel für die Umwelt erreichen. Dieser Ausrichtung unserer Arbeit sollte der Zweckartikel angepasst werden. Wir schlagen nach Absprache mit unserem Anwalt Tobias Winzeler folgende Fassung vor:
Die Ziele des Grimselvereins sind rein ideeller Natur. Er bekämpft Projekte zum Totalausbau der Wasserkräfte im Haslital, die ökologisch schädlich, umweltgefährdend, energiepolitisch unsinnig und wirtschaftlich fragwürdig sind. Er wirkt auf eine nachhaltige und umweltverträgliche Energienutzung im Haslital hin.
Er setzt sich insbesondere dafür ein, dass:
- die im BLN-Objekt „Berner Hochalpen“ liegenden Gebiete Grimsel, Bächli und Gauli sowie Gelmer, Trift und Stein/Susten mitsamt ihren Gletschern, Vorfeldern und Gewässern umfassend und verbindlich geschützt werden
- die bereits belasteten Landschaften und Gewässer im Hasli ökologisch und landschaftlich aufgewertet werden
- die Bedürfnisse der Lokalbevölkerung nach einer intakten und gesunden Umwelt und Lebensgrundlage, nach Ruhe und Erholung sowie nach Sicherheit gewahrt werden (Schutz vor schädlichen Auswirkungen, Erhöhung des Gefahrenpotentials, Gefährdung von physischer und psychischer Gesundheit)
- die vorhandenen Energieproduktionsanlagen umweltschonend betrieben werden (genügend Restwasser, ausgeglichenes Ablussregime, schonender Spül- und Entleerungsbetrieb)
- die Region Einfluss behält auf Entscheide über die Nutzung einheimischer Wasserkraft
- neue erneuerbare Energien und dezentrale Produktions-Versorgungseinheiten gefördert werden
Wer Bemerkungen oder Änderungsvorschläge hat, soll sie bitte bis 14 Tage vor der Generalversammlung, also vor dem 5. November 00, schriftlich mitteilen. Erst an der GV vorgebrachte Änderungswünsche können nicht berücksichtigt werden.
Neue Köpfe in den Vorstand - vom Wechseln der Räder am fahrenden Zug?
Wir suchen Nachwuchs für den Vorstand - der Zeitpunkt für einen Einstieg in die Vorstandsarbeit ist ausgesprochen günstig, da mit dem Ende von Grimsel West neue Verhältnisse geschaffen sind: wer im Hasli daheim ist und Interesse hat, die Politik des Grimselvereins mitzugestalten, soll sich bitte melden bei Katharina von Steiger, Tel 971 36 06 oder bei einem andern Vorstandsmitglied. Einstiegshilfe ist zugesichert!!
Konfliktlösungsdialog - eine Premiere in der Schweizer Wasserkraft- und Umweltszene
Vielleicht lassen sich gerichtliche Auseinandersetzungen um KWO plus vermeiden, wenn Projektantin und Umweltorganisationen sich frühzeitig zu Verhandlungen treffen, ihre Interessen offen darlegen und Kompromisse suchen. Ein erstes Treffen hat im September im Hospiz stattgefunden, die Arbeit war konzentriert und konstruktiv, die Atmosphäre angenehm, locker. Anwesend waren als gewählte Delegierte der Umweltorganisationen Grimselvereinspräsidentin Katharina von Steiger, Koordinatorin WWF Bern Erika Loser, Pro Natura Bern - Präsident Peter Bieri. Die KWO war vertreten durch Direktor Gianni Biasiutti, Direktionsassistent Max Ursin und Kommunikationschef Ernst Baumberger. Als Vertreterin der Region war Frau Regierungsstatthalterin Yvonne Kehrli da. Die Sitzung diente der Wahl eines Mediators, der künftig eine faire Verhandlungsführung gewährleisten soll. Wir haben uns geeinigt auf Hans Ueli Müller, Oeconsult, Amden, dessen Integrität, Ausbildung, Erfahrung und kompetente Vorstellung alle überzeugt hat. Dass die KWO einen ehemaligen WWF-Funktionär als Mediator akzeptiert, darf wohl zuversichtlich stimmen. Eine nächste Sitzung ist vereinbart für Ende November, wir werden uns auf Rahmenbedingungen und Spielregeln des vorgesehenen Dialogs einigen. Unserer Delegation steht eine Begleitgruppe zur Seite, in der ausser uns folgende beschwerdeberechtigten Organisationen vertreten sind: Aqua Viva, Pro Natura Berner Oberland, Pro Natura Schweiz, WWF Schweiz, Schweiz. Energiestiftung SES, SAC, Rheinaubund. Nach unseren ersten Eindrücken bemühen sich alle Beteiligten ernsthaft und aufrichtig darum, auf einvernehmliche Lösungen hinzuarbeiten - und dies im vollen Wissen darum, dass die Auseinandersetzungen hart sein werden,schon nur um die Restwassermengen und um die Frage, ob für den Ausbau eine neue Konzession nötig ist.
Parcours du Glacier - die Perle in unserem Tätigkeitsprogramm!
Wir sind der Verwirklichung unserer Idee, die Schulstube auf den Gletscher zu bringen, ein gutes Stück näher gekommen - der Unteraargletscher und seine Umgebung bietet ja eine Fülle von Wissens- und Erlebenswertem, wir möchten diesen Reichtum zugänglich machen, vor allem jungen Leuten. Schild Dres und Feuz Emil, beide im Vorstand Grimselverein, haben mit einem Team von Sachverständigen und WissenschafterInnen, unterstützt vom WWF Bern, vom Ökozentrum Bern und vom SAC, ein sehr schönes Programm in Bausteinen erarbeitet, das vorerst als Kurs der LehrerInnenfortbildung, dann als Exkursion für Schulklassen, Familien, Gruppen, angeboten wird. Die Verantwortlichen der KWO haben sich grundsätzlich bereit erklärt, unser Vorhaben finanziell und logistisch zu unterstützen und zum Thema Wasserkraft Kursangebote beizusteuern.
KWO-Grundbesitz am Stein - Ausbau der wirtschaftlichen Vorherrschaft innert dem Kirchet
Am 14. August hat die KWO die 8.4 Quadratkilometer grosse Steinalp am Sustenpass, mittendrin die bundesrechtlich geschützte Moorlandschaft Steingletscher, ersteigert, im Hinblick auf eine (Zitat KWO) „optimale Ausschöpfung der Wasserkraft im Oberhasli“. Es gibt kein konkretes Ausbauprojekt. Dennoch hat sich die Ausgangslage, auch für den Konfliktlösungsdialog, verändert, denn die Absichten der KWO sind beunruhigend: an der Grimsel müssen nach Gewässerschutzgesetz die Restwassermengen erhöht werden, und was dadurch an Betriebswasser eingebüsst wird, soll am Susten geholt werden. Das Steinwasser bildet das letzte noch intakte Gletscherbachsystem im KWO-Einzugsgebiet (Umweltverträglichkeitsbericht 88). Die Moorschutzbestimmungen schreiben vor, dass „die natürliche Dynamik der Fliessgewässer erhalten werden soll“, weiter „sind namentlich Seen, Tümpel und Bäche in ihrem Bestand und ihrer Qualität zu erhalten“. (Klammerbemerkung: die KWO hat sich 1992 gegen die Aufnahme der Moorlandschaft Steingletscher ins Bundesinventar gewehrt und hat dann immerhin eine Verkleinerung der vorgesehenen Fläche erwirkt, so dass die für Grimsel West geplante Wasserfassung ausserhalb der Moorlandschaft zu liegen gekommen wäre...) Wenn nun die KWO für Grimselstrom eine günstige Ökobilanz dadurch erreichen wollte, dass sie das Steinwasser und die Moorlandschaft Steingletscher beeinträchtigt, wäre dies ausgesprochen stossend und dürfte auf keinen Fall hingenommen werden.
Ökostrom, oder: warum die KWO grün geworden ist
Im liberalisierten Strommarkt werden wir alle wählen können, ob wir AKW-Strom, Braunkohlestrom, Solarstrom oder was auch immer kaufen wollen. In der Schweiz können Elektrizitätswerke seit ein paar Monaten ihren Strom zertifizieren lassen und zeigen auch ein unerwartet grosses Interesse an dieser Möglichkeit. Es gibt ein zweistufiges Qualitätszeichen für anständig produzierten Strom: mit „naturemade basic“ wird Strom aus erneuerbaren Quellen bezeichnet, die meisten heute laufenden Wasserkraftwerke dürften den Kriterien für diese Deklaration genügen. Für das Label „naturemade star“ gelten ökologisch strenge Anforderungen, vor allem werden auch lokale Kriterien wie Restwasserbestimmungen u.ä., berücksichtigt. Ein Kraftwerk muss gemessen am heutigen Betrieb eindeutige ökologische Mehrleistungen erbringen, wenn es „naturemade star“, also Ökostrom, verkaufen will. Die KWO hat sich für die Zertifizierung ihres Stroms angemeldet, die Beurteilung ist im Gang, „star“ liegt sicher vorläufig nicht drin...
4 x Nein, oder: Scherbenhaufen?
Die Abstimmungen vom 24. September haben keine Energiewende gebracht. Was dies bedeutet für die Grimsel, für das Projekt KWO plus, ist schwer abschätzbar, sicher aber dies: nach der Ablehnung der Förderabgabe gibt es keine Unterstützung für Wasserkraftprojekte, die KWO kann nicht mit Bundesgeldern für den Ausbau rechnen.
Kleine Mitteilungen
Die KWO hat Adolf Urweider und Katharina von Steiger an ihre 75-Jahr-Jubiläumsfeier eingeladen und an diesem Fest nicht g’schmürzelet - wir haben den Spuk aus Bildern und Tönen in der Zentrale Handeck grossartig gefunden.
Mit oder ohne das Projekt Grimsel West: das Gletscherweib ist anfangs Juli neu erstrahlt, im Rahmen von Feuer in den Alpen haben wir wenig unter dem Sidelhorngipfel im August mächtig gefeuert - wir halten an unseren g’freutesten Traditionen fest.
Ende August haben Grimselverein und KWO anlässlich einer gemeinsamen Begehung an der centimetergenauen Messung und Markierung des Seespiegels nach geplanter Mauererhöhung (Vermessungsbüro Flotron) teilgenommen - eine interessante, wenn auch regnerisch-kühle Exkursion. Wir vom Grimselverein haben Arven und Sonnentau gesehen, die von der KWO Möglichkeiten, den Wanderweg höher zu legen... Wohl gehen wir nett miteinander um, in den Wertentscheidungen trennen uns aber... nein, vielleicht nicht grad Welten...
Bitte Daten 2001 vormerken: Exkursion 9.-11.3.01, Jodlerfest 15.-17.6.01 (für unsere Gletscherbar sind Barmaids gesucht!), Gletscherweib 7.7.01, Sidelhornfeuer 11.8.01.
Anekdoten: kürzlich war zu erfahren, dass an der Misere des Spitals Meiringen und insbesondere an der Schliessung der Geburtenabteilung der Grimselverein schuld ist: wäre nämlich Grimsel West im Bau, gäbe es viel mehr Leute im Hasli, mehr Unfälle, auch mehr Geburten. Auch das Ende der traditionsreichen Zeitung „Der Oberhasler“, geht auf das Konto des Grimselvereins; nämlich hat der Oberhasler seit Jahren den Fehler gemacht, uns anstelle „der Wirtschaft“ Platz für unsere Texte zu machen. Und wir hatten immer geglaubt, unser Einfluss sei ein eher bescheidener! Zum Schluss: wegen der Gebetsfahnen in seinem Garten ist ein KWO-Kadermitglied gefragt worden, ob er zum Grimselverein gehöre...
Wir grüssen Euch alle und freuen uns auf die Generalversammlung!
Der Vorstand