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Rundbrief 29, Mai 2000

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde!

Wir begrüssen Euch herzlich, besonders die Neumitglieder, und erlauben uns, das Dringende vor dem Wichtigen mitzuteilen (weil erfahrungsgemäss nicht alle bis zum Ende lesen...): wir bitten den beiliegenden Einzahlungsschein zu beachten: der Mitgliederbeitrag 2000 ist fällig - vielen Dank allen, die ihn grosszügig aufrunden!

Daten 2000:
1. Juli 00 Gletscherweib
12. August 00 Feuer auf dem Sidelhorn
24. Sept 00 Energieabstimmungen
19. Nov 00 Generalversammlung Grimselverein

Grimsel West ist erst mal vom Tisch! Das war uns, nach dreizehn Jahren Widerstand, Grund zu einem Fest: mit Musik und Tanz, reich beschenkt von MitstreiterInnen aus der ganzen Schweiz, haben wir das Ende dieses Alptraums gefeiert. - Es ist auch Anlass zur Standortbestimmung: welches sind nun unsere Aufgaben? wie stellen wir uns zum Vorhaben der KWO, die Staumauern des Grimselsees zu erhöhen? mit welchen Mitteln wollen wir uns einsetzen für die Grimsellandschaft? Der Vorstand und die ausserordentliche Generalversammlung haben sich auf folgenden Grundsatz geeinigt: Während „Grimsel West“ aus ökologischer, energiepolitischer und staatspolitischer Sicht grundsätzlichen fundamentalen Widerstand erfordert und wegen seiner zerstörerischen Ausmasse Kompromisse ausgeschlossen hat, scheint „KWO Plus“ ein diskutables Konzept zu sein: der Grimselverein steht dem neuen Konzept kritisch, aber nicht kategorisch ablehnend gegenüber. Wir sehen unsere Aufgabe vorderhand darin, Vorprojektierung und Projektierung wachsam zu begleiten, die Ausbaupläne auf ihre Verträglichkeit mit Anliegen des Natur- und Umweltschutzes, mit einer fortschrittlichen Energiepolitik und auf ihren Nutzen für die Bevölkerung im Oberhasli hin zu prüfen. Solange Grimsel West nicht offiziell zurückgezogen ist, haben wir unser Ziel nicht erreicht.

Das neue Projekt „KWO Plus“ in Stichworten:
Die KWO will ihre Position im europäischen Strommarkt stärken und mit „KWO Plus“ das ganze Jahr über alle Stärken der Wasserkraft nutzen: Energie für Spitzennachfrage, Regulierung und Reserve liefern. Dafür sollen der Grimselsee durch Erhöhung der Staumauern um ca 20m (ein optimales Kosten-Nutzen-Verhältnis wäre gegeben bei 23m Erhöhung - ohne Einbezug von Umweltüberlegungen) vergrössert und die alten Anlagen im Rahmen eines Gesamtprojektes in Etappen saniert und aufgewertet werden. In der ersten Phase sollen Druckstollen und die Kraftwerke Innertkirchen I und Grimsel I saniert und die Mauern erhöht werden. Das würde 300 Mio Franken kosten. In der zweiten Phase würde für 900 Mio Franken ein neuer Verarbeitungsstrang in zwei Stufen gebaut: Oberaarsee-Räterichsbodensee und Räterichsbodensee-Innertkirchen, mit zwei neuen, unterirdischen Zentralen. Insgesamt würde ein Energiegewinn von 110 GWh resultieren. Die Umlagerung vom Sommer in den Winter würde 200 GWh betragen (das ist weniger als ein Prozent des schweizerischen Winterverbrauchs) und der gesamte Leistungszuwachs 1100 MW, was der Leistung eines grossen AKW entspricht (die installierte Leistung in der Schweiz beträgt 15 000 MW, davon verfügbar sind 13 000 MW, bisher max. beansprucht worden sind 7890 MW - KWO Plus ist auf den Export zu Spitzennachfragezeiten ausgerichtet). Die Mauererhöhung würde den See um ca. 60%, d.h. 55-60 Mio Kubikmeter vergrössern, das entspricht etwa einem Sechstel des Grimsel West - Sees.
Die KWO begründet den Verzicht auf Grimsel West mit den neuen Investitions-Bedingungen im liberalisierten Markt und nicht etwa mit Umweltschutz-Argumenten oder Rücksicht auf die Bundesverfassung. Sie übernimmt in ihrer Begründung weder ökologische noch staatspolitische Verantwortung, sondern vertritt ihre Geschäftsinteressen. Betrüblich ist, wie unangefochten derartige Interessen Vorrang haben vor Recht und Politik; weder der Regierungsrat des Kantons Bern, der sich jahrelang um seine Führungsverantwortung gedrückt hat, noch der Bundesrat, der sich gescheut hat, Verfassungsrecht zu vollziehen, haben dieses monströse Projekt gebremst, sondern die wirtschaftliche Aussichtslosigkeit. Dass die zähe Opposition gegen Grimsel West eine Rolle gespielt haben könnte, bestreitet Verwaltungsratspräsident Schmid. Vielleicht ist es für die KWO zu riskant, sich der Einschätzung vieler Kommentatoren (u.a. eines gewiss unverdächtigen Analysten der CS), anzuschliessen: der Beurteilung nämlich, dass der Widerstand den Bau um entscheidende Jahre hinausgezögert und damit die Kraftwerke vor Fehlinvestitionen in Milliardenhöhe bewahrt hat - womöglich sähe man sich plötzlich mit Entschädigungsforderungen konfrontiert...
Zu den Umweltauswirkungen: „KWO Plus“ ist erst ein Konzept, noch kein Vorprojekt, und es ist zu früh, die Umweltauswirkungen beurteilen zu wollen. Eine Seespiegelerhöhung ist für die Moorlandschaft, für den Arvenwald und für das Vorfeld des Unteraargletschers keine Bagatelle, und wird auch keine bloss wegen langjähriger Zermürbung durch etwas noch viel Schlimmeres. Der Seespiegel des heutigen Grimselsees bildet die Perimetergrenze der Moorlandschaft Grimsel - diese Grenze soll nach jüngsten Entscheiden des Bundesrats den Interessen der KWO angepasst werden. Wir erinnern zudem an den BLN-Schutz: in einer Landschaft von nationaler Bedeutung kann nur gebaut werden, wenn gleichwertige oder höhere Interessen nachgewiesen werden, d.h. eine qualifizierte Interessenabwägung ist zwingend. Bis vor kurzem hätte man in diesem Zusammenhang von „Bedarfsnachweis“ und „Versorgungssicherheit“ gesprochen; in einem offenen Strommarkt existieren diese Konzepte offenbar nicht mehr. Man wird also die Frage stellen, ob das Bestehen der KWO als Unternehmen ein höheres Interesse darstellt als der BLN-Schutz.
Allerdings: „KWO Plus“ hat im Unterschied zu Grimsel West eher die Chance, umweltverträglich zu werden: der Gletscher wird nicht überstaut. Es sind keine Wasserfassungen in den Seitentälern geplant. Gauli, Bächli, Trift und Stein würden nicht tangiert. Die neuen Anlagen würden unter Tag erstellt. Die Jahresabflussverhältnisse der Aare würden weit weniger dramatisch verändert.

Mitteilungen

Moorschutz: im Januar haben wir Herrn Bundesrat Leuenberger gebeten, die unerträgliche Posse um den Moorschutz zu beenden und für den definitiven Schutz der Moorlandschaft Grimsel und des Flachmoors Mederlouwenen zu sorgen. Die gleiche Forderung hat Franziska Teuscher, Nationalrätin, mit einer Motion vom 22.12.99 erhoben. Der Bundesrat ist in seiner Antwort vom 13.3.2000 mit der Inventaraufnahme der beiden Objekte einverstanden. „Er will damit jedoch zuwarten, bis ein rechtskräftiger Entscheid zu einem allfälligen neuen Projekt der KWO vorliegt. Damit hat der Bundesrat zu Gunsten des Moorschutzes entschieden. Offen bleiben einzig noch der Zeitpunkt der Aufnahme in die Schutzinventare sowie eine mögliche Anpassung des Moorlandschaftsperimeters an ein allfälliges neues Projekt der KWO“ (Zitat Leuenberger). Wir sollten wohl nach dem jahrelangen, aufwendigen Einsatz für den Moorschutz froh sein. Sind wir auch, und gleichzeitig hinterlässt diese Antwort einen schalen Geschmack; da nun Grimsel West vom Tisch ist, kann der Bundesrat sich auf seine Pflicht, Verfassungsrecht zu vollziehen, besinnen, und er tut das genau so weit, als er damit nicht etwa allfällige Interessen der KWO in allfälliger naher oder ferner Zukunft tangiert...Warum er nicht wenigstens das Flachmoor Mederlouwenen, das von KWO Plus nicht betroffen würde, heute definitiv schützt, ist nicht nachvollziehbar.
UNESCO-Welterbeliste: seit zwei Jahren bemühen wir uns darum, dass die Aaregletscher aufgenommen werden in das Gebiet „Jungfrau-Aletsch“, das der Bundesrat im Juni für die UNESCO-Naturerbeliste anmelden möchte. Damals hat der Bundesrat unseren Antrag abgelehnt mit der Begründung, solange Grimsel West hängig sei usw.usf., heute kann er das Anliegen nicht unterstützen,weil die Anmeldefrist für die nötigen Abklärungen zu kurz sei... Ob überhaupt mit „Jungfrau-Aletsch“ die Schweiz oder nicht schlussendlich eher Italien mit „Gran Paradiso“ die UNESCO-Goldmedaille für eine besonders wertvolle Landschaft, die künftigen Generationen zu erhalten sei, bekommt, ist fraglich. Die Gemeinde Guttannen hat übrigens, anders als etwa Grindelwald, Lauterbrunnen und Naters, ausdrücklich darauf verzichtet, sich für die Aufnahme der Aaregletscher in die Naturerbeliste einzusetzen: der Gemeinderat „befürchtet, dass das Ausbauprojekt unseres wichtigsten Arbeitgebers gefährdet werden könnte. Erst, wenn feststeht, dass sich das Projekt KWO Plus mit den Welterbe-Kriterien der UNESCO verträgt, kann nach dem Dafürhalten des Gemeinderats eine Aufnahme der Aaregletscher beantragt werden.“ Und dies, obwohl der Gemeinderat „überzeugt ist, dass die grossartige Landschaft der oberen und der unteren Aar eigentlich als Welterbe erhalten werden sollte.“- auch hier: heutige und künftige Interessen der KWO haben Vorrang vor allem andern.
Für einigen Wirbel hat im vergangenen November eine Fehlinformation des Kantonalen Amts für Information gesorgt, wonach die Vorfelder des Gauli- und des Bächligletschers nach Ansicht des Regierungsrats nicht aufgenommen werden sollten ins Bundesinventar der Gletschervorfelder und alpiner Schwemmebenen (IGLES), und zwar, weil Anlagen der KWO in Frage gestellt würden. Glücklicherweise ein Irrtum des Amts für Information. Richtig ist, dass der Kanton Bern die Aufnahme befürwortet und meint, der Stausee Mattenalp sei auszuklammern und die Nutzung der bisherigen Anlagen der KWO solle nicht eingeschränkt werden.
Konfliktlösungsdialog: der Verzicht auf Grimsel West verändert unsere Möglichkeiten, zugunsten der Grimsel aktiv zu sein: während bisher entschiedene Konfrontation und fundamentaler Widerstand nötig waren, eröffnen sich nun Verhandlungs- und Kompromissmöglichkeiten. Wir werden uns zusammen mit andern Umweltorganisationen beteiligen an einem Konfliktlösungsdialog mit der KWO. Den formalen Rahmen sollen die Empfehlungen des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätswerke und der Umweltorganisationen vom Juli 1995 bilden, wie sie die KOWA (Konfliktgruppe Wasserkraft des Bundesprogramms Energie 2000) formuliert hat. Wir wollen in diesem Dialog möglichst viel erreichen für Natur-, Landschafts- und Gewässerschutz. Zur Zeit suchen wir eine Mediatorin/einen Mediator für die unvoreingenommene und professionelle Leitung der Gespräche, stellen eine Verhandlungsdelegation und eine Begleitgruppe zusammen. Selbstverständlich bewahrt der Grimselverein seine Unabhängigkeit auch im Prozess eines derartigen Konfliktlösungsdialogs und behält sich Entscheidungsfreiheit in seiner Politik vor. Der Rechtsweg bleibt offen, falls die KWO nicht zu echten Zugeständnissen an die Umwelt bereit ist.
Bei der KWO sind grosse Veränderungen in der Unternehmensphilosophie und -kultur und den gewählten Umgangsformen im Gang, die wir nach dem „Mauerfall an der Grimsel“ deutlich spüren. Die KWO will die Strommarkt-Liberalisierung als halbwegs eigenständiges Unternehmen überstehen und setzt dabei auf die Produktion von Spitzenstrom und neuerdings auf die wachsende Nachfrage nach umweltverträglich produziertem Strom. Der wird vorläufig teurer sein als Strom aus AKWs und dreckigen alten Kohlekraftwerken. Die Differenz zahlt im freien Markt nur, wer triftige vernünftige Gründe hat (das sind wenige) oder wer eine emotionale Beziehung zur KWO und/oder zur Grimsel hat (das könnten viele werden). Wer die Wahl hat, wird eher Strom kaufen aus einer Gegend, die er gern hat, in der er Schönes erlebt hat. Deshalb die gewaltigen Anstrengungen der KWO, auch mit gastronomischen und vielfältigen touristischen Angeboten Besucherinnen und Besucher ins Oberhasli zu holen. Die KWO will ihren Strom als umweltfreundlich produzierten Grimselstrom vermarkten und arbeitet deshalb systematisch und zielstrebig an einem neuen Image - wir beobachten mit Vergnügen, wie die KWO grüner wird als der Grimselverein... Der Kurswechsel ist in allen Verlautbarungen und Publikationen unübersehbar; wir wissen noch nicht, wie es aussehen wird mit Tatbeweisen, wie gut ein grünes Credo, wenn es eine Marketingstrategie ist, halten wird. Ob es gelingen wird, Grimselstrom dereinst als Ökostrom zertifizieren zu lassen, ist zweifelhaft. Mindestens solange es knochentrockene Bäche ohne einen Tropfen Restwasser gibt, solange der Einfluss des KWO-Betriebs auf die besorgniserregende Trübung des Brienzersees nicht ausgeschlossen werden kann, wäre „Ökostrom“ reiner Etikettenschwindel. Ökostrom darf nur verkaufen, wer für die Umwelt eindeutig mehr tut, als das Gesetz verlangt.

Unsere Vorhaben im laufenden Jahr

Ein Schwerpunkt unserer Arbeit in diesem und im kommenden Jahr bildet das Bekannt- und Zugänglichmachen des naturwissenschaftlichen und kulturellen Reichtums der Aaregletscher. Im Herbst sollen die fünf Vorträge „Die Gletscher der Aare: Natur- und Kulturerbe“, die im vergangenen November-Dezember eine grosse Zuhörerschaft begeistert haben, in einer Broschüre erscheinen. Wir möchten gerade auch jüngeren Leuten Wert und Bedeutung der Aaregletscher nahebringen und planen Fortbildungswochen, in denen LehrerInnen befähigt und ermutigt werden sollen, Projektwochen im Umfeld der Gletscher durchzuführen. Dazu ist ein „parcours du glacier“ für Schulkinder vorgesehen, mit Wettbewerb, für dessen Durchführung wir Sponsoren suchen. Diese Vorhaben erfordern sorgfältige Vorbereitung, erste Kurse werden für Sommer 2001 geplant. Wir wünschen uns, dass die Aaregletscher wieder werden, was sie früher einmal waren: Anziehungspunkt und Eldorado für Gletscher begeisterte.
Wir pflegen intensive Kontakte zu andern Organisationen, nehmen an Tagungen teil, verankern uns möglichst gut im Netz von Verbündeten: die Umstellung vom reinen Widerstand zum kooperativen Verhandeln ist mit Verunsicherung verbunden, wir brauchen Auseinandersetzung um unsere Postitionen und Rückhalt.
Am 1. Juli 2000 bauen wir am Fuss des Unteraargletschers zum dreizehnten Mal das Gletscherweib, die mit Gebetsfahnen geschmückte Steinfigur, die zum Symbol für unseren Widerstand geworden ist. Wer mitkommen, helfen und feiern möchte, ist willkommen. Näheres unter der Nr 033 971 36 06.
Am 12. August 2000 werden wir uns im Rahmen von „Feuer in den Alpen“ auf dem Sidelhorn treffen. Wir laden Euch herzlich ein, an diesem traditionell stimmungsvollen Abend mit Feuer, Musik, Festrede, Speis und Trank mitten in der grossartigen Grimsellandschaft teilzunehmen.
Wir haben ein Projekt quasi in eigener Sache und bitten Euch um Eure Mitarbeit: der Zeitpunkt für einen Einstieg in die Vorstandsarbeit war nie so günstig wie jetzt. Was mit Grimsel West zusammenhängt, muss nicht mehr erarbeitet werden. Wir stehen an einem Neuanfang, die Zukunft des Grimselvereins ist offen, die Rolle des Grimselvereins im gesellschaftlichen und politischen Leben im Hasli ebenso wie in der energie- und umweltpolitischen Szene Schweiz kann mitgestaltet oder auch neu erfunden werden. Wir sind sehr daran interessiert, Nachwuchs in die Arbeit einzuführen - ohne Hast, aber entschlossen wollen wir einen Generationenwechsel einleiten. Wer interessiert ist an einer Mitarbeit im Vorstand oder jemanden weiss, den wir anfragen könnten, soll sich bitte möglichst bald melden.
Am 24.9.00 steht eine ausserordentlich wichtige Energie-Abstimmung bevor, wir legen Informationsmaterial bei. Wir wollen einen Beitrag leisten zur Umstellung der Schweiz auf eine umweltverträgliche Energiepolitik und im Rahmen unserer Möglichkeiten die Abstimmungskampagne für die Solar-Initiative und die anderen schlauen energiepolitische Vorlagen unterstützen. Bitte setzt Euch ein für ein eidgenössisches 3xJa und für ein Ja zur kantonalen BoA-Initiative!

Vorstand Grimselverein

Bitte beachtet die Beilagen!


Ein Stausee ist kein See wie ein Bergsee,
der die Weite des Nachthimmels über den Gräten birgt
Ein Stausee hemmt, klemmt das Wasser,
das die Weite der Ebenen suchen will,
zwischen Felswänden fest.
Ein Stausee ist ein Au-See, höchstens ein Auch-(eine Art)-See,
ein Surrogat alpiner Unergründlichkeit,
geschaffen für Durchreisende, automobil Vorbeihuschende,
die nicht bereit sind, in den Bergfalten zu verweilen,
nicht bereit sind, im Laufe ihres Daseins Haarwurzeln zu bilden,
das heisst zähe Seelenfäden
in die wenigen Spalten der Granitwände zu treiben
und deshalb zu bleiben.
Ein Stausee ist ein Nichtsee
und wird gerade darum überhöht und mystifiziert.
Die Au-Seen werden regelmässig
- von den Hohepriestern der Technokratie - heilig gesprochen:
St. Au - See
Gut, gibt es die Haarwurzlerinnen und Haarwurzler,
deren Seelenfäden sich zum tragenden Netz geflochten haben,
dem Grimselverein.

Kaspar Schuler 12. Februar 2000