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Rundbrief 14, April 1994

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde!

Nach der Niederlage der Aareschutz-Initiative haben wir nicht etwa die Flinte ins Korn geworfen, sondern mit der Aktion "Jetzt erst recht!" Mitglieder geworben: wir freuen uns, 340 neue Mitglieder begrüssen zu dürfen!

Mitteilungen seit Oktober 1993

Wir haben am 27. November 93 eine gutbesuchte Generalversammlung gefeiert, musikalisch bereichert von Thöni Werner und Christine Lauterburg.

Am 10. März ist auf unsere Initiative hin in Meiringen der Verein "Pro Solar" gegründet worden. Er will der Ecole d'Humanité, Hasliberg, die Photovoltaik-Anlage schenken, die die Gemeinde Meiringen aus Neutralitätsgründen (!!) verschmäht hat. Der Grimselverein hat an der GV beschlossen, eine Spende aus den USA von 5000$ für dieses Projekt zu verwenden. Die Finanzierung der Anlage ist noch nicht sichergestellt - der Verein "Pro Solar" sucht Mitglieder, die einen oder mehrere A fond perdu - Anteilscheine von 100 Franken zeichnen. Wer es sich leisten kann, soll doch dieses Projekt unterstützen! Nähere Informationen und Einzahlungsscheine sind beim Grimselverein erhältlich.

Dass am 20. Februar die Alpen-Initiative angenommen worden ist, freut uns natürlich ungemein und ist im Hinblick auf eine allenfalls notwendige Abstimmung über Grimsel West eine gewaltige Ermutigung!

Was geht an der Grimsel?

Abstimmungsbeschwerden zur Aareschutz - Abstimmung
Mit dem Nein zur Aareschutz-Initiative ist Grimsel West ein grosses Hindernis aus dem Weg geräumt. Verschiedene Beschwerden, die vor allem den öffentlich-rechtlichen Unternehmen Bernische Kraftwerke und Wasserverbund Bern bewusste Falschinformationen während ihrer Abstimmungskampagne vorwerfen, sind von Regierung und Grossem Rat abgelehnt, von den BerschwerdeführerInnen aber ans Bundesgericht weitergezogen worden. Die Chance, dass damit am klaren Abstimmungsresultat gerüttelt und die Abstimmung wiederholt wird, ist klein. Die Zerstörungen in der Belpau und in Wynau werden also ihren Lauf nehmen.
Jetzt erst recht gilt es, den KWO-Ausbau mit allen Mitteln zu verhindern: wenigstens die Wiege der Aare muss vor Übernutzung und Vernichtung gerettet und ihr Wasserlauf vor weiterer Beeinträchtigung bewahrt werden!

Moorschutz-Verwässerung, um dem Monsterkraftwerk den Weg zu ebnen
Der neue Grimselsee würde Flachmoore überschwemmen, die nach dem Rothenturm-Artikel und dem Urteil der Experten geschützt werden müssen. Die Berner Regierung schreibt nun an den Bundesrat, dass sie sich vorbehalte, nach einer "politischen Gesamtinteressenabwägung, die Nicht-aufnahme eines Grimsel-Flachmoors ins Bundesinventar der Moorlandschaften von nationaler Bedeutung zu beantragen, weil "sich die Erhaltung und der geplante Ausbau des Wasserkraftwerkes gegenseitig ausschliessen".
Diese Begründung offenbart eine fatale Logik: dieses Moor kann nicht geschützt werden, weil ihm bereits die Zerstörung droht! Immerhin kann es als Beispiel dafür dienen, wie sich der Moorschutz aus Gründen politischer Opportunität total demontieren lässt. Da führt die Berner Regierung über ein höchst umstrittenes Kraftwerkprojekt eine "politische Gesamtinteressenabwägung" durch, die eigentlich dem Berner Volk zusteht. Damit bricht sie den ersten Stab ausgerechnet über ein Moor, dessen Einzigartigkeit und nationale Bedeutung im Inventar besonders betont wird. - Es lässt sich ahnen, zu wessen Gunsten die Interessenabwägung der Berner Regierung ausfallen wird. Noch kann man hoffen, dass der Bundesrat auf diesen Verwässerungsversuch nicht eingeht und dem ohnehin arg gebeutelten Verfassungsauftrag "Moorschutz" einen Rest an Glaubwürdigkeit belässt.

Stromüberfluss - Chance für die Grimsellandschaft?
Dass das Konzessionsverfahren nicht vom Fleck kommt, hängt unter anderem damit zusammen, dass die KWO die Wirtschaftlichkeit des geplanten Pumpspeichers neu überprüfen wollen. Das ist auch angezeigt: in Europa herrscht Stromüberfluss, 1993 sind die Preise zusammengebrochen. Damit verlieren Pumpspeicherwerke ihren Zweck und der teuer produzierte Spitzenstrom lässt sich kaum mehr gewinnbringend absetzen. Fachleute rechnen nicht damit, dass diese Verhältnisse sich so bald ändern werden. - Laut KWO-Auskunft ist eine "Lagebeurteilung" zu Grimsel West Mitte 1994 zu erwarten, ein möglicher Baubeginn "kaum vor dem Jahr 2000".
Hinweis: Wegen Grimsel West würde der jährlichen CO2 - Ausstoss in Westeuropa zunehmen: die Einsparung wegen zusätzlichem KWO-Winterstrom wäre kleiner als die Zunahme wegen fehlendem Sommerstrom! (Antwort Zürcher Stadtrat auf eine Anfrage aus dem Gemeinderat, 9.2.94) - und damit fällt auch das allerletzte Argument, das noch für den KWO-Ausbau ins Feld geführt werden könnte!

"Jetzt erst recht!"
Die Chancen, dass die KWO die Ausbaupläne schubladisieren, stehen gut. Unsere Freude ist aber zwiespältig; die Landschaft erhält ihre Überlebenschance nicht etwa, weil Kraftwerkplaner und Behörden einsichtig geworden wären und mit uns zusammen am gleichen Strick ziehen würden, um künftigen Generationen Reste unzerstörter Natur zu erhalten - die Chance ist nur entstanden, weil Grimsel West nicht nur keinen Profit verspricht, sondern ein finanzielles Debakel zu werden droht.
Sollte das Projekt tatsächlich in den Schubladen verschwinden, werden wir natürlich nicht untätig abwarten, bis Spekulationen auf günstigere Bedingungen es wieder auf den Tisch bringen. Wir werden jetzt erst recht alles daran setzen, dass die Grimsel ein für alle mal von Grossprojekten verschont bleibt. Gerade in einem ernergiewirtschaftlich bedingten Rückzug des Projekts sehen wir nämlich die Überzeugungen bestätigt, die unseren Widerstand gegen die Zerstörung der geschützten Landschaften motivieren: ständige Zunahme des Stromverbrauchs ist kein Naturgesetz. Prognosen sind immer unsicher. Die Zerstörung einer Landschaft hingegen ist immer endgültig. Prognosen, die nach immer grösseren Kraftwerken rufen, beruhen auf dem Glauben an ewiges Wachstum. Sie schreiben einfach die Vergangenheit fort und schliessen andere Entwicklungsmöglichkeiten aus, einschliesslich derjenigen von technischen Alternativen und wirksamen Sparmassnahmen. Solchen Prognosen dürfen keine Landschaften und keine Gewässer mehr geopfert werden. Intakte Land-schaften sind knapper als Strom und nicht erneuerbar.

Achtung Jahresbeitrag!!
Die Aarschutz-Kampagne hat unsere Kasse geleert. Um unsere Arbeit wirksam fortsetzen zu können, sind wir auf Eure Jahresbeiträge 1994 und grossherzigen Spenden dringend angewiesen. Bitte benutzt den beigelegten Einzahlungsschein!
(Zahlungen nach November 93 gelten als Jahresbeitrag 94)

Energie- Umwelt- und Solar-Initiativen
Bitte sammelt Unterschriften für diese wichtigen Initiativen! Unterschriftenbogen erhältlich bei: Energie- Umwelt- und Solarinitiativen
Postfach 2976
8033 Zürich

Bitte beachten und vormerken und in beeindruckender Zahl teilnehmen:
Vereinsaktivitäten 1994 (s. unten)

Liebe Grüsse allen!
Der Vorstand


Gletscherweib
9. Juli 1994
Wir werden, wie alle Jahre im Frühsommer, die schützende, bergende Steinfigur auf dem Unteraargletscher wieder neu errichten und mit Gebetsfahnen schmücken - im Himalaya stehen da, wo Gefahren drohen, Gebetsfahnen, und der Wind trägt die Gebete in den Himmel. Wer einmal dabeigewesen ist, weiss, wie gut und schön dieser Tag jeweils ist - sicher ebenso wichtig wie das Streiten mit guten Argumenten. Heuer soll es wieder eine stolze, grosse Figur werden, und wir freuen uns, wenn Ihr in grosser Zahl helfen kommt. Vom Grimselhospiz bis zum Gletscherweib sind es zu Fuss etwa 2 1/2 Stunden, der Weg ist gut und führt durch die bedrohte Moorlandschaft mit dem berühmten Arvenwald.
Wer will, kann anschliessend in die Lauteraar-Hütte gehen zum Übernachten und am Sonntag etwas Alpinistisches oder sonstwas unternehmen oder auch im Eldorado eine der Rémy-Routen, die dem Grimselverein gewidmet sind, klettern.
Wer uns sein Interesse kundtut, erhält rechtzeitig nähere Informationen.

Feuer auf dem Sidelhorn
13. August 1994
Zu unseren besten Traditionen gehört das alljährliche Feuern und Feiern auf dem Sidelhorn. Wir sind mit unserem Mahn- und Warnfeuer Teil der Aktion Feuer in den Alpen: Tausende von Feuern brennen am gleichen Abend zwischen Wien und Nizza und warnen vor der Übernutzung des hochempfindlichen Lebensraums Alpen. Zum Fest gehören immer Musik, Bräteln, Ansprache und Gebetsfahnen.
Wir treffen uns wie immer um 15 30 Uhr auf der Grimsel Passhöhe und wandern gemeinsam auf das Sidelhorn (ca 1 1/2 Stunden Gebirgsweg). Warme Kleider, Essen und Trinken, Riemen zum Holztragen und Licht für den Abstieg nicht vergessen!
Wer nähere Informationen möchte über das Programm, die Ausrüstung, Übernachtungsgelegen-heiten etc., soll uns schreiben - wird rechtzeitig alles Wichtige erfahren.

Gauli-Tage
30. September - 2. Oktober 1994
Letztes Jahr mussten wir leider wegen schlechtem Wetter die traditionelle mehrtägige Exkursion absagen. Hoffentlich klappt's heuer: wir gehen ins Gauli (ca 4 1/2 Stunden vom Urbachtal aus). Diese starke Landschaft ist im Spätherbst besonders beeindruckend und faszinierend. Dem Träjen-Bach folgen, das Gletschervorfeld kennenlernen, vielleicht das Hangendgletscherhorn erklimmen...- Mit dabeisein werden auch der Glaziologe Heinz Wäspi und die Biologin Erika Loser; sie werden die Tage mit ihrem gletscherkundlichen und botanischen Wissen bereichern können. Alpinistische Aktivitäten sind selbstverständlich auch möglich. Bitte meldet Euch, falls Ihr Interesse habt (wir würden dann Reservationen für den Hüttenaufenthalt vornehmen).
Adresse für Auskünfte und Anmeldungen: Grimselverein, Postfach 509, 3860 Meiringen